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Ohne die Antwort abzuwarten, sprangen sie mit den andern Kinderndavon; der Fremde aber, statt ihrem Beispiel zu folgen, blieb immernoch stehen, in Nachdenken verloren über die neue Tatsache, daß derMann der Mama doch ein einfacher Vater sei vor seinen Kindern, dabeiauch freilich nicht so viel zu gelten schien, wie jene.
In diesen Gedanken unterbrach ihn der Landwirt oder Gemüsegärtnerund fragte: „Und was ist's mit dem Herrn hier, was wünscht er?"„Er wird wohl nichts zu wünschen haben!" rief die Frau dazwischen:„er hat uns bloß Volk genannt und sich verwundert, wieso die Bubenmir Mama rufen sollen!" „Das war nicht so gemeint!" sagte derFremde lächelnd, „ich habe mich ja im Gegenteil über die Verfeinerungder Sitte hier zu Lande gefreut, über die zunehmende Gleichheit derBürger; gewahre nun aber doch, daß das Familienhaupt noch Vatergenannt wird und nicht Papa! Wie darf ich mir nun das wieder er-klären?"
Die Frau blickte ärgerlich auf ihren Mann, der ihr in diesemPunkte genugsam Verdruß gemacht haben mochte und verhielt sich imübrigen still. Der Mann seinerseits betrachtete den Freindling nunebenfalls mit prüfendem Blicke, wie vorhin die Frau, und als er dessenoffenes und gutmütiges Gesicht wahrnahm, ließ er sich zu einer ver-traulichen Rede herbei:
„Seht, guter Freund! Das ist eine Sache, wovon manches zuberichten wäre! Die Gleichheit ist allerdings vorhanden, und alle strebenwir aufwärts. Am eifrigsten sind die Weiber dahinter her; eine nachder andern nimmt jenen Titel an, wogegen wir Mannsleute bei unsererHantierung dergleichen Zierart nicht brauchen können. Wir würdenuns selbst auslachen, wenigstens einstweilen noch, und dann, was dieHauptsache ist, so würde man uns die Steuern hinaufschrauben, wennwir den Papatitel annähmen; wir urkundeten damit, daß wir uns zuden Wohlhabenden und Fürnehmen rechnen."
Die Frau war schon bei Anfang dieser Rede zornig in ihre Küchezurückgelaufen: der Landmann ging auch hastig seiner Wege, indem ersich besann, daß er noch genug zu tun habe, und der Fremde standallein auf dem stillen Platze. Erst jetzt las er an dem alten Haufedie Inschrift: „Gemüfegärtnerei und Milchwirtschaft von Jakob Weide-lich." Also Weidelich heißen diese Leute, sprach er vor sich hin, ohneselbst darauf zu achten. Er rieb sich facht ein wenig die Stirne, wieeiner, der nicht recht weiß, wo er sich im Augenblick befindet, bis er