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Deutsches Lesebuch für Sekundarschulen / von H. Utzinger
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Alpel, zu Ostern zahlen." Schaute mich der bedauernswerte Mann anund fragte höchst ungleich:Zu Ostern? In welchem Jahr?"Na,nächst' Ostern, wenn die Kohlenraitung ist." Nun mischte sich dieFrau Doppelreiterin, die andere Kunden bediente, drein und sagte:Laß ihm's nur, Mann, der Waldbauer hat schon öfter auf Borg ge-nommen und nachher allemal ordentlich bezahlt. Laß ihm's nur."Ichlaß ihm's ja, werd' ihm's nicht wieder wegnehmen," antwortete derDoppelreiter. Das war doch ein bequemer Kaufmann. Jetzt fielennur auch die Semmeln ein, welche meine Mutter noch bestellt hatte.Kann man da nicht auch fünf Semmeln haben?" fragte ich.Sem-meln kriegt man beim Bäcker," sagte der Kaufmann. Das wußteich nun gleichwohl; nur hatte ich mein Lebtag nichts davon gehört, daßman ein paar Semmeln auf Borg nimmt; daher vertraute ich derKaufmännin, die sofort als Gönnerin zu betrachten war, meine voll-ständige Zahlungsunfähigkeit an. Sie gab mir zwei bare Groschen fürSemmeln, und als sie nun noch beobachtete, wie meine Augen mit denreiffeuchten Wimpern fast unablösbar an den gedörrten Zwetschgenhingen, die sie einer alten Frau in den Korb tat, reichte sie mir aucheine Handvoll dieser köstlichen Sache zu:Unterwegs zum Naschen."

m.

Nicht lange hernach, und ich trabte mit meinen Gütern reich undschwer bepackt durch die breite Dorfgasse dahin. Überall in den Häu-sern wurde gemetzgert, gebacken, gebraten, gekellert; ich beneidete dieLeute nicht; ich bedauerte sie vielmehr, daß sie nicht ich waren, der mitso großem Segen beladen gen Alpel zog. Das wird morgen einChristtag werden! Denn die Mutter kann's, wenn sie die Sachen hat.Ein Schwein ist ja auch geschlachtet worden daheim; das gibt Fleisch-brühe mit Semmelbrocken, Speckfleck, Würste, Nieren-Lümperln, Knödel-fleisch mit Kren (Meerrettich); dann erst die Krapfen, die Zuckernudeln,das Schmalzkoch mit Weinbeerln und Safran! Die Herrenleut' dain Langenwang haben so was alle Tag', das ist nichts, aber wir habenes im Jahr einmal und kommen mit unverdorbenem Magen dazu, dasist wahr! Und doch dachte ich auf diesem belasteten Freudenmarfchweniger noch ans Essen, als an das liebe Christkind und sein hochheiligesFest. Am Abend, wenn ich nach Hause komme, werde ich aus derBibel davon vorlesen; die Mutter und die Magd Mirzel werden Weih-