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nachtslieder fingen; dann, wenn es zehn Uhr wird, werden wir unsaufmachen nach St. Kathrein und in der Kirche die feierliche Christ-mette begehen bei Glocken, Musik und unzähligen Lichtern. Und amSeitenaltar ist das Krippel aufgerichtet mit Ochs und Esel und denHirten, und auf dem Berg die Stadt Bethlehem und darüber die Engel,singend: „Ehre fei Gott in der Höhe!" —Diese Gedanken trugen michanfangs wie Flügel; doch als ich eine Weile die schlittenglatte Landstraßedahingegangen war, unter den Füßen knirschenden Schnee, mußte ichmein Doppelbündel schon einmal wechseln von einer Achsel aus die andere.
In der Nähe des Wirtshauses „zum Sprengzaun" kam mir etwasVierspänniges entgegen. Ein leichtes Schlittlein mit vier feurigen,hochaufgefederten Rappen bespannt, auf dem Bock ein Kutscher mitglänzenden Knöpfen und einem Buttenhut. Der Kaiser? Nein, derHerr Wachtler vom Schlosse Hohenwang saß im Schlitten, über undüber in Pelze gehüllt und eine Zigarre schmauchend. Ich blieb stehen,schaute dem blitzschnell vorüberrutschenden Zeug eine Weile nach unddachte: Etwas krumm ist es doch eingerichtet auf dieser Welt. Da sitztein starker Mann drin und läßt sich hinziehen mit so viel überschüssigerKraft, und ich vermag mein Bündel kaum zu schleppen!
Mittlerweile war es Mittagszeit geworden. Durch den Nebel wardie milchweiße Scheibe der Sonne zu sehen; sie war nicht hoch an demHimmel hinaufgestiegen, denn um vier Uhr wollte sie ja wieder untensein, zur langen Christnacht. Ich fühlte in den Beinen manchmal soein heißes Prickeln, das bis in die Brust heraufstieg; es zitterten mirdie Glieder. Nicht weit von der Stelle, wo der Weg nach Alpel ab-zweigt, stand ein Kreuz mit dem lebensgroßen Bilde des Heilands. Esstand, wie es heute noch steht, an seinem Fuß Johannes und Mag-dalena, das Ganze mit einem Bretterverschlag verwahrt, so daß es wieeine Kapelle war. Vor dem Kreuze auf die Bank, die für kniendeBeter bestimmt ist, setzte ich mich nieder, um Mittag zu halten. EineSemmel, die gehörte mir; meine Neigung zu ihr war so groß, daß ichsie am liebsten in wenigen Bissen verschluckt hätte. Allein das schnelleSchlucken ist nicht gesund, das wußte ich von anderen Leuten; und daslangsame Essen macht einen längeren Genuß, das wußte ich schon vonmir selber. Also beschloß ich, die Semmel recht gemächlich und bedächtigzu genießen und dazwischen manchmal eine gedörrte Zwetschge zunaschen. Es war eine sehr köstliche Mahlzeit; wenn ich heute etwasrecht Gutes haben will, das kostet außerordentliche Anstrengungen aller