121
inwendiger Bewegung und sagte: „Es ist mein Sohn, den ichsuche," und ihr ehrliches Schweizergesicht sah fast ein wenig ein-fältig aus vor unverhoffter Frende und vor Liebe und Scham.jDenn sie schämte sich vor so vielen Leuten, daß sie eines GeneralsMutter sein sollte, und konnte es doch nicht verschweigen. Aberder Wirt sagte: „Wenn das so ist, gute Frau, so laßt herzhaftEure Bagage abladen vom Postwagen und erlaubt mir, daßich morgen in aller Frühe ein Kaleschlein anspannen lasse undEuch hinausführe zu Eurem Sohne in das Lager." Am Morgen,als sie in das Lager kam und den General sah, sa, so war esihr Sohn, und die junge Frau, die gestern mit ihm geredet hatte,war ihre Schwiegertochter, und das Kind war ihr Enkel. Und alsder General seine Mutter erkannte und seiner Gemahlin sagte:„Das ist sie, da küßten und umarmten sie sich, und die Mutter-liebe und die Kindesliebe und die Hoheit und die Demut schwammenin einander und gössen sich in Thränen aus, und die gute Mutterblieb lange in ungewöhnlicher Rührung, fast weniger darüber, daßsie heute die Ihrigen fand, als darüber, daß sie dieselben gesternschon gesehen hatte.
Als der Wirt zurückkam, sagte er, das Geld regne zwar nirgendsdurch das Kamin herab; aber nicht zweihundert Franken nähme erdarum, daß er nicht zugesehen hätte, wie die gute Mutter ihren Sohnerkannte und sein Glück sah. $ e6eIi
147. Das Erkennen.
Ein AVanderbursch mit dem Stab in der Handkommt wieder beim aus fremdem Land.
Sein Haar ist bestäubt, sein Antlitz verbrannt;von wem wird der Bursch wohl zuerst erkannt?
So tritt er ins Städtchen durchs alte Thor;am Schlagbaum lehnet der Zöllner sich vor.
Der Zöllner, der war ihm ein lieber Freund;oft saßen die beiden früher vereint.
Doch siehe, der Zöllner erkennt ihn nicht;die Sonn’ hat zu sehr ihm verbrannt das Gesicht.
Und weiter geht er die Straßen entlang;eine helle Thrän’ hängt ihm an der AVang’.
Da thut seine Schwester die Fenster auf;er winkt mit dem herzlichsten Gruß hinauf.
Doch sieh’, auch die Schwester erkennt ihn nicht;die Sonn’ hat zu sehr ihm verbrannt das Gesicht.