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Lesebuch für die obern Klassen (6., 7. und 8. Schuljahr) der Primarschulen des Kantons Solothurn
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150. Der alte Bamn.

In dem heimeligen Stübchen, wo lustig am Webstnhl und HaspelMutter und Tochter beschäftigt waren, im Garten der Knabe,saß Großmütterlein hinter dem Tisch; das Betbuch lag vor ihrund die Brille daneben. Vorn Lesen und Sitzen ermüdet,nickte zuweilen sie ein; zuweilen schlich auch ein Seufzerüber die Lippen; der sprach:O Herr, wann kommt mein Stündlein?"

Und die sinnige Tochter bemerkte die trübere Stimmungder Geliebten und trat, sie freundlich ermunternd, zu ihr.Mütterlein," sprach sie,es lacht so herrlich der Abend; es stehenAcker und Matten so schön, mit Früchten behängen die Bäume.Komm ins Freie! Wir geh'n um unser Gärtchen und weiter,wenn dir das Gehen behagt; es stärket die Luft deine Kräfte,und ein wenig ermüdet, schläfst du dann sanfter und länger.

Stütze dich ruhig auf mich, wenn dir dein Stab nicht genüget,

und erzähle mir dann von alten Zeiten! Ich höre

gar so gerne dir zu; denn munterer wirst du dann immer."

Und Großmütterlein drückte mit zitternden Händen dem Mädchen

seine Rechte, die es ihr bot zum leichtern Aufsteh'n,

tief erkennend sein zartes Gefühl, und hob sich vom Dtuhle.

Und mit langsamen Schritten durchwandelten sie nun die Mattemit dem üppigen Gras, den Acker mit nickenden Halmen,und der muntere Knabe umhüpfte die beiden und brachtebald einen Apfel herbei, den er am Boden gefunden,das Großmütterchen bittend, sich an der Frucht zu erlaben,oder er holte zum Riechen ihr freundlich die Blüte der Bohne,oder er sprach zu ihr:Horch, horch, wie die Grasmücke zwitschert!Sieh doch, sieh doch am Teich, wie lustig die Mücken dort tanzen!"

Aber Mütterchen wischte aus ihrem Aug' eine Thräne.

Guter Knabe," sprach sie,dein Wille ist freundlich; doch zeigt ermir in ernster Gestalt, was ich geworden: ein armes,hilfbedürftiges Weib, sich selbst und andern lästig.

Deine Freuden, die einst auch die meinen waren, ergötzenmeine Sinne nicht mehr; ich kann die Frucht nicht genießen.

Deine würzigen Blumen, sie duften mir nimmer; der Grasmückelieblich tönendem Lied sind meine Ohren verschlossen;ach! und so manches, was einst mein Aug' erfreute, das bleibt nundiesem Sinne entrückt. Bald werd' ich in allem ein Fremdling,der nach der Heimat sich sehnt, weil hier sein Wirken vorbei ist."