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„Um Gottes willen, o Weib, halt ein!
Willst du dich selbst dein Verderben weih’n?Unglückliche Mutter, zurück den Schritt;du kannst nicht retten; du stirbst nur mit!“
Docli furchtlos fällt sie den Löwen an,und aus dem Rachen mit scharfem Zahnnimmt sie das unversehrte Kindin ihren rettenden Arm geschwind.
Der Löwe stutzt, und unverweiltmit dem Kinde die Mutter von dannen eilt.
Da erkannte gerührt so jung wie altdes Mutterherzens Allgewalt
und des Löwen großmütigen Sinn zugleich.
Doch manche Mutter, vor Schrecken bleich,sprach still: „Um des eigenen Kindes Lebenhätt’ ich auch meines dahingegeben.“ un-nhanii.
149. Wenn du noch eine Mutter hast.
Wenn du noch eine Mutter hast, so danke Gott und sei zufrieden;nicht allen auf dem Erdenrund ist dieses hohe Glück beschieden!
Wenn du noch eine Mutter hast, so sollst du sie mit Liebe pflegen,daß sie dereinst ihr müdes Haupt in Frieden kann zur Ruhe legen!
Sie hat vom ersten Tage an für dich gelebt mit bangen Sorgen;sie brachte abends dich zur Ruh' und weckte küssend dich am Morgen.Und warst du trank, sie pflegte dein, den sie mit tiefem Schmerz geboren,und gaben alle dich schon auf, die Mutter gab dich nicht verloren.
Sie lehrte dich den frommen Spruch; sie lehrte dich zuerst das Reden;i>e faltete die Hände dein und lehrte dich zum Vater beten.
Sie lenkte deinen Kindessinn; sie wachte über deine Jugend.
Der Mutter danke es allein, wenn du noch gehst den Pfad der Tugend.
Und hast du keine Mutter mehr, und kannst du sie nicht mehr beglücken,w kannst du doch ihr frühes Grab mit frischen Blumenkränzen schmücken.Uin Muttergrab, ein heilig Grab; für dich die ewig heil'ge Stelle.D, wende dich an diesen Ort, wenn dich umtost des Lebens Welle!
F. W. Aaulisch.