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Lehr- und Lesebuch für das achte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorlage der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrat des Kantons St. Gallen
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schleicht sie hinter ihr her und kitzelt sie leicht mit den Vorderfüßchen.Die Blattlaus läßt dann einen weißen, süßen Trapsen von sich, den dieAmeise begierig trinkt, und der ihr so gnt schmeckt, wie uns die beste Milch.Aber damit sind sie noch nicht zufrieden; sie nehmen auch die Blattläusegefangen, schleppen sie in ihren Haufen und sperren sie in ihre Zellen ein.Dort werden sie sorgsam gefüttert und haben das beste Leben; aber dieFreiheit haben sie nicht und müssen sich alle Tage melken lassen.

Wie freute das die Kinder!Also machens die Ameisen ganz wiedie Menschen!" riefen sie. Ja freilich, und etwas anderes ist noch auf-fallender: die Ameisen halten auch, wie die Menschen, förmliche Sklaven-jagden; die größeren, roten Ameisen überfallen oft die kleinen, schwarzen,liefern ihnen Schlachten, nehmen sie gefangen, und dann müssen sie ihnenarbeiten, gerade wie die Negersklaven den Weißen.

Dann kam ich an dem großen Steinbruch vorbei; die Sonne schienrecht warm auf die Felsen; da habe ich zuerst leise, dann immer lauterein Liedchen gepfiffen, und sieh', bald da, bald dort streckte eine Eidechseihr .Köpfchen aus den Steinritzen hervor und wagte sich immer weiterheraus und hörte der Musik zu, daß ich sie leicht hätte fangen können.Ja, die Eidechsen hören die Musik gern, aber vor allem die Spinnen.

In Frankreich hatte ein Knabe gelebt, der hieß Berthome und warschon in seinem achten Jahre ein so gewandter Violinspieler, daß seineEltern beschlossen, ihn einen Musiker werden zu lassen. Zn dem Endemußte er fast Dreivierteile des Tages auf seinem Zimmer zubringenund sich auf dem Instrumente einüben. Die Stube war eng und düster,und der Knabe hätte oft gerne die Geige weggeworfen und wäre imlieblichen Sonnenschein herumgesprungen; aber die Eltern waren sehrstreng, Nun bemerkte er, als er einstmals wieder einsam auf seinemZimmer saß, daß eine große Spinne, die im Winkel oben ihr Netz auf-geschlagen hatte, ihr Gewebe verließ und ihm näher kam, so oft er dieGeige strich.

Dies wiederholte sich zu seinem Vergnügen immer, und am Endewurden der junge .Künstler und die Spinne so vertraut mit einander, daßsie, wenn er spielte, aus ihrem Winkel auf den Pult kam, von dem Pultauf den Künstler und zuletzt gar auf den Arm, der den Bogen führte.Die Freundschaft mit der Spinne war nun dem Knaben sein Alles; ihrzu lieb lernte er seine Einsamkeit lieben, und der Spinne wegen freutenihn seine Fortschritte in der Musik. Aber ach, dieses stille Glück solltenicht lange dauern! Eines Tages führte seine Tante einen Herrn zu ihmein, dem er vorspielen mußte. Gleich nach den ersten Bogenstrichen ver-ließ die Spinne ihr Gewebe, kam näher und näher und setzte sich endlich

VIII. Lesebuch. 3