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Lehr- und Lesebuch für das achte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorlage der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrat des Kantons St. Gallen
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Stare abzogen, Krötlein sich zum Winterschlaf einrichtete und die letztenArbeiten in Feld und Garten getan mären, dann bereiteten wir uns zumEmpfang unserer lieben Wintergäste. Auf den unteren Ästen der Bäumewurden Futterstellen errichtet und gegen Schnee geschützt; unter Reisigbündelwurde der Tisch gedeckt und auch für einen Trunk Wasser gesorgt; denndie Vöglein gehen im Winter, wenn alle Büchlein zugefroren sind, gar oftan Durst zugrunde.

Da kamen nun mit dem ersten Schnee die Meisen und Finken, Gold-ammern und Stieglitze und all' die anderen befiederten Gesellen und betteltenum ein paar Krümchen und Körnchen, um ein wenig Speck und Knochen-reste. Auch für die Drosseln war gesorgt. Ihnen gehörten ein paarEbereschenbäume, an deren roten Beeren sie sich gütlich taten. Die Tierchenwurden so zutraulich, daß sie dicht au uns herankamen, wenn wir ihnenFutter streuten.

Schon den Sommer über wurden für sie Unkrautsamen gesammelt unddie Kerne der Kürbisse und Sonnenblummen und allerlei Beeren getrocknet.Das war das Geschäft der Jüngsten von uns. Sobald wir nur ein wenigflügge waren, wurde uns eitle Aufgabe zugeteilt; denn die Eltern hieltennns vor allem zu zwei Dingen an: zur Arbeit und zum Wohltun. Dazugaben uns die notleidenden Vögelein frühe Gelegenheit. Wir konnten eineMenge der armen Geschöpfe vom Hungertode retten. Aber auch für hunger-leidende Arme, die an unsere Türe klopften, hatten die Eltern stets einStücklein Brot oder einen Teller warme Suppe, so knapp es auch bei unszuging. Das Almosen durfte immer der von uns geben, der am fleißigstenund bravsten gewesen. Kaum konnte unser kleiner Peter laufen, so wollteer auch dieser Ehre teilhaftig werden, und er war nicht wenig stolz, alser das erste Mal einem armen, alten Mann ein Stück Brot hinaus-tragen durfte.

Schon als kleiner Junge bereitete es Nachbars Fritz Vergnügen,andern Kindern zu leidwerken. Eine noch größere Freude war es fürihn, hilflose Tiere zu quälen.

Einmal hörten wir ein ausgelassenes Schreien und sahen einenHausen Kinder vor dem Scheunentor im Grundhofe sich tummeln. Dastürzt mein älterer Bruder ins Zimmer mit dem Ruf:Der Fritz hateine lebendige Fledermaus ans Tor genagelt," und holt eine Zange undrennt auf den Nachbarshof, um das gemarterte Tierlein zu befreien. Alsder Fritz die Absicht meines Bruders erkennt, wird er ganz toll vor Wut;mit den Fäusten schlägt er auf unsern Georg los, und als dieser sich inseinem guten Werk nicht irre machen läßt, holt der böse Range von demnahen Holzhaufen einen Prügel und will ihn meinem Bruder über den