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Und wie sein Blick am Himmel hängt,als möcht’s dahin entfliehen,im Wangengrübchen langsam fängtein Röslein an zu blühen.
Und — süsses Wunder! — plötzlich, alssei alles Leid zu Ende,schlingt lächelnd um der Mutter Halses seine beiden Hände.
Die Mutter weiss vor Freud’ nicht Rat,bricht aus in lautes Weinen. —
Das war des Frühlings erste Tat,und keine von den kleinen.
Hermann von Gilm.
26. Aksenow.
In der russischen Stadt Wladimir lebte ein junger Kaufmann,Aksenow, welcher zwei Magazine und ein Haus besaß.
Wie er eines Tages zur Messe nach Nischnei-Nowgorod reiste undvon seinen Lieben Abschied nahm, sagte seine Frau zu ihm: „Iwan, geh'heute nicht; mir hat Trauriges von Dir geträumt."
Aksenow erwiderte lachend: „Du hast wohl Furcht, daß ich aus derMesse eine Torheit verübe?"
„Ich kann mir meine Angst nicht erklären," versetzte die Frau, „ick)weiß nur, daß es ein sä)recklicher Traum war. Ick) sah Dick), Du kamstzurück mit völlig weißen Haaren."
„Das ist ja gar kein übles Vorzeichen," scherzte Aksenow. „Be-ruhige Dick); ich werde ein schönes Stück Geld verdienen und Dir einenKram bringen."
Mit diesen Worten verließ er seine Familie. Unterwegs traf ereinen befreundeten Geschäftsmann. Sie kehrten des Abends im gleichenGasthause ein und erhielten zwei neben einander liegende Zimmer an-gewiesen. Aksenow pflegte nie lange zu schlafen. Um Mitternacht erhober sich und hieß den Kutscher anspannen, bezahlte dem Wirte die Zecheund fuhr davon. Nachdem er etwa vierzig Werste zurückgelegt, hielt eran, um auszuruhen, den Tee zu trinken und die Pferde füttern zu lassen.Frohgelaunt griff er naä) einer Guitarre und fing an, zu spielen, alsplötzlich das Geklingel eines Pferdes ertönte. Ein Wagen hielt an, undes entstiegen demselben ein Polizeibeamter und zwei Soldaten.