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zutreten. Als sie ihn in Ketten und den Kleidern eines Sträflings sah,brach sie zusammen und fiel bewußtlos zur Erde. Endlich erholte sie sichund bat Aksenow, ihr alles zu erzählen.
„Und was kann ich nun tun?" jammerte sie, als sie Alles ver-nommen.
„Du gehst zum Zaren," meinte Aksenow; „es darf kein Unschul-diger bestraft werden."
„Ich habe mich schon an ihn gewendet," versetzte das Weib; „aberich glaube, die Bittschrift ist ihm gar nicht überreicht worden." „O," fuhrsie fort, als Aksenow in stummer Verzweiflung zur Erde schaute; „ich ahntees, daß der Traum Böses bedeutete! Ich sah dich mit weißen Haaren,und jetzt hat dich in der Tat der Kummer gebleicht . . . Iwan" — siefuhr ihm zärtlich mit der Hand über die Stirne — „Iwan, gestehedeiner Frau die Wahrheit, hast du ihn nicht umgebracht?"
„Also auch du hältst mich für den Täter!" seufzte der Gefangene,indem er bitterlich zu schluchzen anfing.
Ein Soldat gab der Frau das Zeichen, daß sie sich zurückzuziehenhabe, und Aksenow sagte seinen Lieben das letzte Lebewohl.
„Gott allein weiß, wie es sich verhält," murmelte er, als er wiederallein war. „Ich will auf seine Barmherzigkeit vertrauen." Und vondiesem Augenblicke an klagte er nie wieder; er wandte sich nur noch inheißem Gebete zu Gott.
Der Richter verurteilte Aksenow zur Knute und Zwangsarbeit. Erwurde geknutet, und als die Wunden vernarbt waren, transportierte manihn nebst andern Sträflingen nach Sibirien . . .
Volle sechsundzwanzig Jahre weilte Aksenow in diesem Lande.Seine Haare waren weiß wie Schnee, seine Züge schlaff und die Heiterkeitseines Gemütes entwichen. Er lachte nicht mehr, schlich gebückt einher,und seine Lippen murmelten Gebete.
Er erlernte das Schusterhandwerk, und aus dem ersparten Geldekaufte er sich eine Geschichte der Märtyrer, welche er des Abends beimmatten Schimmer des Lichtes eifrig las. An Festtagen sang er im Chöreder Gefängniskapelle mit; denn er besaß noch immer eine schöne Stimme.Bei den Vorgesetzten war er um seiner Sanftheit willen beliebt, und dieGenossen achteten ihn. Hatten sie etwas zu fordern, so baten sie ihn,das Verlangen vorzubringen, und gerieten sie in Streit, so fügten sie sichseinem Schiedssprüche. Aus der Heimat erhielt er nie eine Zeile; erwußte nicht, was aus seinen Angehörigen geworden.
Eines Tages erschien ein Transport neuer Sträflinge; sie wurdenvon den alten umringt und mit tausenderlei Fragen über die ferne Heimat