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Lehr- und Lesebuch für das achte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorlage der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrat des Kantons St. Gallen
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33. Der Kampf mit der Zunge.

Im alten Griechenland gab es eine Gesellschaft von frommenund nachdenklichen Männern. Diese heissen Pythagoräer. Werin ihren Bund eintreten wollte, der musste geloben, zunächst dreiJahre lang zu schweigen. Erst wenn er diese Probe bestandenhatte, wurde er würdig befunden, zu ihnen zu gehören. Könntihr euch wohl denken, warum diese Bedingung gestellt wurde?Ich glaube, weil nichts auf der Welt schwerer ist, als Herr zusein über seine Zunge. Wer das fertig bringt, der beweist damitsoviel Kraft des Geistes und der Selbstbeherrschung, dass manihm auch in grösseren Dingen vertrauen kann. Er ist ein freierMann und nicht mehr der Knecht seines Mundwerkes. Was hilftalle Gutherzigkeit, wenn die böse Zunge dem guten Herzen nichtgehorcht? Das grösste Unheil und die grösste Verwirrung in derWelt wird durch losgelassene Zungen angerichtet. Wegen einesleichtsinnigen Scheltwortes schlössen sich Menschen gegenseitigtot, und alte Freundschaften zerbrechen oft durch irgend einendummen Klatsch. Als ich vor einem Jahre einmal vor eineranderen Klasse von diesen Dingen sprach, da seufzte ein kleinesMädchen tief auf und sagte:Ach ja! Sie hatte jedenfalls schonselber erlebt, wie viel Not in der Welt von unbewachten Zungenherkommt und wie schnell ein Wort gesprochen ist, das man nach-her bitter bereut. Und ist es gar zu ärgerlich, dass ein grosserMensch oft von diesem kleinen, roten Stückchen Fleisch regiertund bevormundet wird! Wir sollten uns das einfach nichtgefallen lassen und dafür sorgen, dass jedes Wort, das die Zungesprechen will, uns erst zur genauen Prüfung vorgelegt werde.Wer das nicht tut, der ist wie ein Kaiser, der seinen Lakaien dieRegierung abgetreten hat.

Ihr habt gewiss alle schon einmal das Gedicht auswendiggelernt, in dem es heisst:

Und hüte deine Zunge wohl!

Bald ist ein böses Wort gesagt;o Gott, es war nicht bös gemeint;der andere aber geht und klagt.

Erinnert euch einmal an die verschiedenen Fälle, wo man inGefahr kommt, dass einem die Zunge durchgeht. Am häufigstenwohl, wenn man von andern gereizt wird und in Wut gerät. Da