Buch 
Lehr- und Lesebuch für das achte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorlage der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrat des Kantons St. Gallen
Entstehung
Seite
59
JPEG-Download
 

59

sagt man manches, was einem nachher so fremd vorkommt, dassman es gar nicht wieder erkennt.

Man denkt so in der Wut, das hässliche Wort müsse heraus,dann werde man sich erleichtert haben in der Wahrheit aberhat man sich nur beschwert und hat oft sein ganzes Leben andem zu tragen, was man in einer Stunde gesagt hat.

Was ist also zu tun? Das beste wäre ja, einmal drei Jahrelang zu schweigen; da würdet ihr es gründlich lernen.. Aber daswürde euch zu schwer. Aber wie wärs, wenn ihr einmalwenigstens einen kleinen Verein gründetet, wo jedes neue Mitgliedsich verpflichten muss, einen Monat lang kein Wort zu reden, solange Zorn und Arger in ihm kochen? Oder auf keine Beleidi-gung zu antworten? Später kommt dann eine andere Zungen-Ubung heran. Ihr bildet euch immer so viel darauf ein, wenn ihrzehnmal hintereinander Klimmziehen könnt und eiserne Muskelnhabt, glaubt mir nur, es gehört mehr Männerkraft dazu, eineneisernen Zungennmskel zu haben, als Arme und Waden wie einAthlet im Zirkus.

Wisst ihr, was Julius Cäsar tat, um sich vor übereiltenWorten zu schützen? Wenn der Zorn über ihn kam, so zählte erimmer bis zwanzig, bevor er antwortete. Das ist ein ausgezeich-netes Mittel, und ich empfehle es allen unter euch, die esbrauchen.

Nun aber einen andern Fall. Denkt an das Wort:Der andereaber geht und klagt. Wann kommt das vor? Das geschieht,wenn es uns reizt, irgend einen schlechten Witz oder ein ver-letzendes Wort auf Kosten unseres Kameraden zu sagen, nur da-mit die anderen recht lachen. Oder wenn wir gar den andern'ausspotten wegen irgend eines Gebrechens, an dem er nicht schuldist oder wegen eines Fehlers, über den er sich selber schon genugschämt. Ich weiss aus meiner eigenen Schulzeit: Es ist, als sollteman platzen, wenn man etwas Lächerliches bei sich behalten soll,nur weil der andere es traurig aufnehmen könnte. Aber man ver-liert oft seine besten Freunde durch einen einzigen boshaftenWitz; denn Lachen ist oft herzloser, als Tadel. Schluckt es lieberherunter, oder gebt wenigstens eurer Zunge nie freien Lauf, bevorihr nicht Umschau gehalten habt, ob niemand verwundet undgekränkt wird. Das nennt man Herzensbildung.

Nun noch etwas für die Mädchen. Es gibt drei Arten Zungen,Ochsenzunge, Schweinszunge und Klatschzunge. Letztere ist