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Lehr- und Lesebuch für das achte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorlage der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrat des Kantons St. Gallen
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lockern uns auch ein wenig. Als die grossen, eisernen Rippen dashörten, da riefen sie: Um Gotteswillen bleibt; denn wenn ihr nichtmehr haltet, dann ist es um uns geschehen. Und das Gerücht vondem Vorhaben der kleinen Schraube verbreitete sich blitzschnelldurch den ganzen riesigen Körper des Kolosses. Er ächzte underbebte in allen Fugen. Da beschlossen sämtliche Rippen undPlatten und Schrauben und auch die kleinsten Nagel, einegemeinsame Botschaft an die kleine Schraube zu senden, sie mögedoch bleiben; denn sonst würde das ganze Schiff bersten undkeines von ihnen die Heimat erreichen. Das schmeichelte demStolz der kleinen Schraube, dass ihr solch ungeheure Bedeutungbeigemessen wurde, und sie liess sagen, sie wolle sitzen bleiben.

Die kleine Schraube dachte, wenn sie sichs ein wenig bequemmachte, so sei das nur ihre eigene Sache und ginge niemand etwasan. Aber an dem Entsetzen, das bald durch den ganzen Schiffs-körper ging, musste sie sofort merken, wie eigentlich das ganzeSchiff von ihrem Beispiel abhing. Darum war sie mitverantwort-lich. Denn das, was sie tat, das war von der grössten Bedeutungfür alle Teile des Schiffes. Und ist es nicht wirklich wahr, dass,wenn ein Nagel sich lockert, bald auch alle anderen herausgleitenund die Lockerung immer weiter geht ? Denn eines hält das andere.Und wenn nun das Schiff zugrunde gegangen wäre vielleichthätte die Schiffsgesellschaft dann Bankerott machen müssen unddurch ihren Fall wären wieder zahlreiche andere mit ins Gleitengekommen.

Ist es nun nicht genau so im menschlichen Leben? Ihr hörtoft von den Menschen eines Landes oder eines Geschäftes sagen:sie sind treu und unbestechlich. Oder von anderen: es ist keinVersass auf sie; alle sind käuflich. Glaubt ihr nun, dass solcheVerderbnis etwa mit einem Mal beginnt? Nein; es lockert sichzuerst eine einzige Schraube. Ein einziger nimmt ein kleinesTrink-geld an, eine ganz kleine Unregelmässigkeit. Die Kollegen be-merken es und denken:Warum sollen wir nicht auch unsere Ein-nahmen etwas verbessern? In ihren Gesprächen am Wirtshaustischwerden sie über Bestechlichkeit schon viel nachsichtiger werdenals früher.Man muss mitmachen, was überall Gebrauch ist, heisstes.Man kann nicht rein bleiben, wie ein Engel, in diesem schmutzigenLeben. Und es dauert nicht lange, so ist alles vergiftet. Leidergeht es hier nicht so, wie in dem Märchen von der Schraube, dassalle die übrigen noch vor der Tat dem, der locker werden will,