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eine Botschaft schicken können: „Um Gotteswillen, lass’ die Handdavon; wenn du nicht fest bleibst, so geht auch unser Gewissenin die Brüche!“ Das Beispiel geht langsam weiter, wie schleichen-des Gift, und der letzte wird erst angesteckt, wenn der erste schonwieder eine neue und schlimmere Unregelmässigkeit plant. Aberjeder, der so im Kleinen untreu werden will, der sollte sich in derPhantasie vorstellen, es kämen wirklich alle die Andern in langemZuge zu ihm gegangen und bäten ihn auf den Knieen, nicht daserste böse Beispiel zu geben, und hinter ihnen kämen die Frauenund Kinder, die entehrt werden durch die Gewissenlosigkeit desVaters; entehrt und des festen, treuen Vaterauges beraubt — unddahinter steht noch eine unabsehbare Menschenmenge; das sindalle die, auf welche das böse Beispiel der gelockerten Pflicht ein-gewirkt hat. Ein Dichter hat einmal gesagt, die schrecklichsteStrafe in der Hölle sei das, wenn einer von oben alles das mit-ansehen müsste, was auf der Erde aus seinen Übeltaten, ja schonaus seinen kleinsten Fehltritten, folge. Die unendliche Kette vonNot und Jammer und Gewissensverirrung von oben mit ansehenund sich sagen zu müssen: „Du bist verantwortlich; du hast denStein ins Rollen gebracht — das sei doch das Furchtbarste, wasman sich ausdenken könne.“
Es ist nun gewiss viel besser für uns alle, wenn wir dieFolgen unserer Taten nicht erst sehen, nachdem nichts mehr zuändern ist, und das böse Gewissen wie ein elektrischer Scheinwerferein Stück der Kette nach dem andern beleuchtet, sondern liebervorher, bevor sie getan sind. Ach, wieviel Törichtes und Schlechtesbliebe ungetan, wenn wir, solange wir bei gesunden Sinnen sind,ein bisschen mehr studierten, wie in den menschlichen Handlungeneines aus dem andern folgt, und wie jeder Mensch das Schicksalseines Nebenmenschen ist, seine Vorsehung, der er anvertraut ist.
Ihr habt gewiss schon in den griechischen Sagen gelesen vonFamilien, auf denen ein alter Fluch lagerte, wie z. B. auf derFamilie des Agamemnon, wo eine Bluttat der andern folgte. DieserFluch besteht nicht nur in der Vererbung des Bösen, sondern auchdarin, dass das furchtbare Beispiel, das irgend ein Stammesvaterder Familie gegeben hat, die Nachkommen immer aufs neue ver-führt und irre macht — so wie der Mensch schwindelig wird undseinen Halt verliert, wenn er an einen ungeheuren Abgrund tritt.
Was ich auch hier von der Familie und vorhin von der Be-amtenschaft sagte, das könnt ihr am besten in eurem Schulleben