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ein Mensch überhaupt stehlen? Und wenn einmal der grüne Wagenvor’s Gefängnis fährt und zwei Diebe steigen aus, so seht ihr siean, als seien sie überhaupt eine ganz andere Menschenart, wie ihrund euch so wenig ähnlich, wie die Stidsee-Insulaner oder dieKaraiben, die neulich im Tiergarten gezeigt wurden. Aber ihrmüsst nicht vergessen: Die Diebe waren auch einmal Kinder, wieihr, und damals brachen sie noch nicht ein und liefen noch nichtmit den Diebslaternen herum. Das einzige, was man an ihnenbeobachten konnte, war vielleicht, dass sie gar keine Widerstands-kraft hatten gegen den Kitzel ihres Gaumens. Wenn sie eine Speiseoder Süssigkeit lockte, so war der Wunsch, sie zu besitzen, wieein böser Zauber, und sie mussten ihm folgen und hatten nichtRuhe, bis sie am Ziele waren. Nun ist es gewiss nicht so schlimm,dass jeder, der in seiner Kindheit eine Naschkatze ist, später insGefängnis kommt. Da musste es ja mehr Gefängnisse als Wohn-häuser geben. Bei den meisten kommt mit den Jahren das Ehr-gefühl, der Verstand und auch das Mitgefühl mit den Eltern zumDurchbruch, und sie schämen sich, Sklaven ihrer Gier zu sein.Aber so, wie nicht jeder Mensch mit kräftigen Nerven und Muskelnauf die Welt kommt, so sind auch die Kräfte des Kopfes und diedes Willens nicht gleichmässig verteilt. Es gibt viele Menschen,die ein sehr gutes Herz haben, aber einen zu schwachen Geist,um die Folgen ihres Tuns immer vor sich zu sehen, und obendreinnoch einen lahmen Willen, so dass ihnen die Selbstbeherrschungschwer wird, selbst wenn sie einsehen, wie nötig sie wäre. Danngibt es wieder andere, die einen ganz guten Kopf haben, aberdie Lust nach dem Wohlgeschmack im Gaumen ist bei ihnen soheftig und gross, dass sie immer in Gefahr sind, zu unterliegen.Alle solchen Menschen können manchmal trotz ihrer Schwächenunversehrt durchs Leben wandern, wenn sie keinen zu grossenVersuchungen begegnen.
Aber stellt euch nun vor, sie müssten Hunger leiden, oderes träten sehr grosse Versuchungen an sie heran, auf unsaubereWeise Geld zu machen — dann sind sie eben in äussersterGefahr.
Ihr seht also jedenfalls: Mit dem Naschen ist nicht zu spassen.Niemand kann wissen, ob er nicht zu den Gefährdeten gehört undob das Nachgeben an den Gaumen nicht etwas Übermächtiges inihm wird. Darum ist es ein gefährliches Spiel, genau so gefährlich,wie es für Kinder ist, Kirschsteine hinunterzuschlucken. Mancher