71
hat einen kräftigen Dann; ein anderer aber, der scheinbar kern-gesund ist, bekommt eine Blinddarmentzündung und stirbt.
Wenn eins von euch merkt, dass es ganz besonders schwachist gegenüber Bissigkeiten und Apfeln im Nachbargarten, sobraucht es deshalb nicht zu verzweifeln, im Gegenteil: Wer aufseine Schwächen von selbst rechtzeitig aufmerksam wird, derkann bei richtiger Übung sogar ein Starker werden, gerade weiler die richtige Pflege anwendet, während ein anderer sorglos mitseinen Neigungen umgeht. Wer also von euch eine grosse Neigungzum Schlecken und Naschen spürt, der kann diese Schwierigkeitengerade benutzen, um einen eisernen Willen zu erwerben. Er sollsich üben, drei Bonbons oder andere Leckereien, vier Pralines unddrei verzuckerte Früchte auf seinem Arbeitstisch liegen zu lassenund sie abends pünktlich wieder abzuliefern. Wenn man einenLöwen, der von Natur ein Raubtier ist und nicht einsieht, wo-zu er sich in der Selbstbeherrschung üben soll, dazu dressierenkann, den Kopf eines Menschen in seinen Rachen zu nehmen,ohne ihn abzubeissen, dann wird doch wohl ein Mensch, der keinRaubtier ist und der wohl weiss, wozu er die Selbstbeherrschungbrauchen kann, dazu zu bringen sein, dass er nicht gleich allesverzehrt, was seinen Fingern erreichbar ist.
Wir wissen, dass man unter dem Worte „stehlen“ nicht nurden Diebstahl, sondern auch mancherlei andere Dinge ver-stehen kann — nämlich: jemand um seines eigenen Vorteilswillen um den gerechten Lohn bringen, jemand unter dem Scheindes Rechtes um Hab und Gut betrügen, oder ihm durch unsaubereMittel die Kundschaft abjagen, und endlich gehört es auch zumStehlen, wenn man den Leuten ihr Geld aus der Tasche lockt undihnen schlechte und wertlose Ware dafür anhängt. Als Kinderseid ihr gewiss alle dagegen und möchtet euch nicht mit derleiDingen beschmutzen, — aber denkt daran: das Schlechte imGrossen kommt aus dem Schlechten im Kleinen. Vielleicht wisstihr gar nicht, ob nicht in euch schon allerlei schlechte Gewohn-heiten heranwachsen, die jetzt nur harmlose Streiche verüben, dieaber später einmal, wenn sie gross geworden, euch zu all’ denDingen zwingen, die ihr jetzt verabscheut. Als Kind möchteniemand seiner armen Klavierlehrerin den Stundenlohn verkürzen,— aber wenn man sich schon als Kind gehen lässt in der Nach-giebigkeit gegen jeden Kitzel, dann gewinnt man das Geld lieb,weil es einem dienstfertig jeden Kitzel befriedigen hilft, und hat