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37. Nur Kleinigkeiten.
In unserem Stadtviertel war einmal ein grosser Brand aus-gebrochen; dabei hatten einige Feuerwehrleute sich so heldenmütigbenommen, dass die ganze Stadt davon sprach. Am nächsten Tagesah ich einen kleinen Knaben mit einem Schlauch und einer kleinenLeiter durch die Strassen rennen, und als ich ihn fragte, was erdamit wolle, sagte er: „Ich will Heldentaten begehen.“ RiesigeTaten begehen, wovon die ganze Welt spricht, davon träumen diemeisten Knaben. Und da sie in ihren Büchern immer von grossenKriegstaten und Heldentaten, Entdeckungsreisen und dgl. lesen, sodenken sie schliesslich, alles Gute in der Welt sei nur durch solchegrosse Taten geschehen, und darauf komme es am meisten an.Wenn ihr ins Leben kommt, werdet ihr sehen, dass die allerwenigstenMenschen Gelegenheit haben zu grossen Taten. Es gibt bei unskeine Bären und Wölfe mehr zu töten; die Kriege sind auchseltener, und zu Rettungsarbeiten bei grossen Feuern oder imSchiffbruch kommen auch nur wenige. Und das ist gut — denngrosse Taten machen die Menschen nur zu leicht blind dagegen,dass das Grösste in der Welt nur durch entsagungsvolles Tun inrühmloser Stille zustande gebracht wird. Darum sind die Taten,die im Verborgenen vollbracht werden, eigentlich die grösstenHeldentaten; denn die Lorbeerkränze und der Rausch deslauten Beifalls fehlen dabei. In früherer Zeit, als die Indianernoch bis zum Niagarafall wohnten, da war es Sitte, dass alljährlichdas schönste Mädchen dem grossen Geist geopfert wurde undblumenbekränzt in einem Boote den Wasserfall hinunterfuhr,wobei es unten am Felsen zerschmettert wurde. Das scheint eineHeldentat, die gar nicht übertreffen werden kann. Aber ich kanneuch sagen: Es ist manchmal leichter, einen Wasserfall hinunterzu-fahren, als leben zu bleiben und täglich dem grossen Geisteseinen kleinen dummen Trotz zu opfern. Ein einziges Mal sichüberwinden und um Entschuldigung bitten, wenn es einem soüber die Massen schwer wird, das erscheint mir viel heldenhafter,als wenn man so im Rausche des Ruhmes und der allgemeinenBewunderung irgend etwas Ungeheuerliches tut. Und täglich ineigenem Hause durch Besänftigung und Aufmerksamkeit aufgeregteGeschwister und nervöse Erwachsene zu beruhigen — das erfordertsicher nicht weniger Aufopferung und Anstrengung, als bei einemgrossen Brande Heldentaten der Rettung zu begehen. Und mancher,