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Lehr- und Lesebuch für das achte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorlage der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrat des Kantons St. Gallen
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der im Pulverregen und im Lärm der Schlacht wahre Wunder derKaltblütigkeit und Tapferkeit vollbrachte, hat nachher nicht dieKraft gehabt, sein Heldentum im eigenen Hause in kleinen Über-windungen und Aufopferungen zu beweisen, weil die Regiments-musik nicht dazu blies und kein eisernes Kreuz verliehen wurde.

Ich las einmal in einer Erzählung, dass ein reicher Mann inein ganz kleines Fischerdorf an der Ostsee gekommen sei, umdort in der Stille einige Zeit zu wohnen. Am Abend habe er, imWirtshause gefragt, ob ihm jemand einen Tausendmarkscheinwechseln könne. Der Wirt aber hatte einen Tausendmarkscheinnoch nie gesehen und sagte:Damit können Sie hier nichts bezahlen;hier müssen sie alles mit Kleingeld begleichen. Als nachher nochandere Bauern ins Wirtshaus kamen, da zeigte ihnen der Wirtden Schein und fragte sie, ob sie ihn vielleicht wechseln könnten.Sie lachten und sagten:Was, einen Tausendmarkschein? Dasgibts ja gar nicht? Und sie sahen misstrauiscli zu dem Fremdenhinüber. Dann kamen noch einige Fischer herein, die meinten auch,es gäbe höchstens Hundertmarkscheine, und die seien so selten,dass alle hundert Jahre mal einer ausgegeben werde, wenn dieRegierung ein Anleihen machte. Und als er in sein Zimmergegangen war, hörte er, wie unten ein Mann zu den andern sagte:Er hat überhaupt kein Geld; er ist ein Schwindler; wir wollenihn windelweich prügeln. Das wartete er natürlich nicht ab,sondern vor Sonnenaufgang sprang er aus dem Fenster und lief,was er laufen konnte, über die Haide, bis er endlich nach siebenStunden in eine kleine Stadt kam, wo er den Schein wechselnkonnte. Und zwar liess er sich zwei grosse Säcke voll Pfennigegeben, nahm einen Wagen und fuhr damit wieder ins Fischerdorfzurück, wo er dem Wirt das Abendessen in lauter einzelnenPfennigen zahlte. Und wenn er noch nicht gestorben ist, so lebter heute noch.

Was meine ich wohl mit dieser Geschichte? Nichts anderes,als dass unser tägliches Leben auch so ein Fischerdorf ist, wodie Leute zu Tausendmarkscheinen, das heisst zu den grossenHeldentaten, nur den Kopf schütteln und misstrauische Gesichtermachen. Die meisten von ihnen haben von so grossen Heldentatennur in Büchern gelesen, aber sie nie wirklich miterlebt. Darummeinen sie, so etwas gäbe es überhaupt nicht. Und sie glaubenüberhaupt nicht an die Liebe und Güte eines Menschen, wenn ersie nur in grossen Taten, aber nicht in alltäglichen kleinen Beweisen

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