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unb wie ängstlich mag sie genäht haben, damit die Hose noch ins neueJahr hinein halte! Wieviel tausend Mal mehr wert war aber diese Hose,als das schönste und modernste englische Beinkleid mit seinen tadellosenFalten! Habt ihr einmal davon gehört, daß man heute oft Hunderttausendevon Mark bezahlt für Gemälde von alten Meistern, die oft noch gar nichtrichtig zeichnen konnten, aber dafür so viel Liebe und Andacht in ihreBilder legten, daß man noch heute, nach vielen Jahrhunderten, ganz warmund innig davon berührt wird? Nun — Müllers geflickte Hose war auchso ein Kunstwerk, und ich würde heute viel Geld dafür geben, wenn siezum Verkauf ausgeboten würde — und an der Tafel würde ich sie auf-hängen, wie eine Wandkarte und euch mit dem Kartenstocke die wunder-bare Findigkeit der Mutterliebe zeigen: Wieviel Nachdenken, wievielFürsorge da hinein gearbeitet ist in dies ärmliche Stück Zeug — soviel, daß es selbst der erste Schneider von Paris nicht nachmachen könnte,sondern ausrufen müßte: Soviel Geduld hat kein Schneider und keineMaschine; das kann nur eine Mutter!
Dann würdet ihr begreifen, wieviel Dummheit dazu gehört, übersolch eine Hose zu lachen! Wer so zu flicken vermag, das kann keingewöhnlicher Mensch sein. Müllers Mutter war sicher eine außergewöhnlicheFrau, und ich bedaure nachträglich nur, daß wir Müller nie umErlaubnis gebeten haben, sie zu besuchen. Wenn ihr jemals so einegeflickte Hose trefft, denkt an das, was ich euch heute erzählt habe!Daß man aber die Entstehungsgeschichte solcher geflickten Hosen versteht,und daß man herauslesen kann, was da alles hineingearbeitet ist — dasist wichtiger, als daß man ganze Bände voll Weltgeschichte lesen kannund über die Entstehungsgeschichte der feuerspeienden Berge Bescheid weiß.Warum ist es wohl wichtiger? Weil es nichts Schlimmeres gibt, als daßliebevolle und fleißige Arbeit ausgelacht und verspottet wird, und weilunsere wahre Bildung sich darin zeigt, daß wir nie am unrechten Ortelachen. Zu dieser Bildung aber helfen weder Weltgeschichte noch Naturkunde,so wichtig sie sonst sind — nein, nur durch eigenes Nachdenken über dasLeben unserer Mitmenschen kommen wir dazu.
Wenn ihr einmal so einen geflickten Knaben trefft, so ruft ihm nurzu: „Du, sei stolz auf deine Mutter; du trägst ja die kostbarsten Hosender Welt!" — Ist das nicht wahr? Ist nicht Mutterliebe hineingewebt,und ist das nicht vornehmer und schöner, als wären sie golddurchwirkt —und wenn er sie mit Stolz und Dankbarkeit trägt, sind es dann nichtwahrhaft beseelte Hosen — ein wahres Stelldichein der besten Gefühle derMenschenbrust? Fr. ©. Förster.