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Lehr- und Lesebuch für das achte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorlage der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrat des Kantons St. Gallen
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Darum meine ich auch, dass strenge Wahrhaftigkeit immer derhöchste Beweis der Tapferkeit ist und dass also jeder Mensch, auchwenn er nie eine Flinte gesehen hat, täglich Gelegenheit hat, seinenMut zu üben durch offenes Gestehen und rücksichtslose' Wahrheitim Allerkleinsten. Es ist nämlich viel leichter, mit einem Mal ingrosser Begeisterung sein Leben wegzuwerfen, als täglich stand-haft zu bleiben, wenn die Versuchung kommt, auszureissen voreiner unangenehmen Szene, oder einer Blamage, oder auch einerStrafe. Da zeigt sichs, ob einer wirklich eisern ist gegenüber deinGruseln und Fürchten, oder ob er ein Buschklepper ist, der sichversteckt, wenn er einen Angriff kommen sieht.

Bei den alten Germanen ging die Sage, dass die auf demSchlachtfelde Gefallenen von den Schlachtjungfrauen nach Walhallageführt wurden, um dort unter den Göttern im ewigen Licht zuwohnen. Wer nicht lügt und tapfer alles auf sich nimmt, nur umder Wahrheit treu zu bleiben, der ist schon auf Erden in Walhallaund wohnt bei den Göttern; denn alle Guten und Tapferen werdenihn ehren und ihm die Hand reichen und ihm durch Liebe undVertrauen die Erde zum Himmel machen. Fr. W. Foerster.

39. Die geflickte Kose.

In unserer Schule war ein Knabe von armen Eltern, der frug eineHose, die war so vielfarbig geflickt, daß wir alle unsern tollen Spaßdaran hatten. Und immer, wenn man glaubte, jetzt sei es zu Ende, jetztkomme endlich eine neue Hose dann saß plötzlich wieder ein großerbrauner Flecken daraus, und alle die kleinen Flecken rings umher schienenmit neuem Mute in die Zukunft zu sehen so wie in einem verzweifeltenVolke, wenn plötzlich ein aroßer und tapferer Staatsmann die Zügelergreift. Nach der Heimkehr von den Ferien war es unser festlichesVergnügen im Sck)ulhof, Müllers Hose zu besichtigen, und großes Gelächterhörte man erschallen, wenn sie inzwischen noch bunter geworden war.

Wie schäme ich mich heute dieses Gelächters! Es war ja nicht bösgemeint aber so unendlich dumm und gedankenlos war es; wir sahennur die bunten Flecken, aber nicht das, wovon sie erzählten: Eine ganzeWelt von Mutterliebe, durchwachte Nachtstunden und gewiß auch vieleTränen darüber, daß die ganze mühsame Flickerei doch nur etwas zustandebrachte, worüber der Sohn in der Schule ausgelad)t wurde. Mit welcherärmlichen Geldsumme mußte die Mutter wohl den Haushalt bestreiten.

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