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K Das Blut.
Wenn man einer belagerten Stadt alle ihre Wasserleitnngen ab-schneidet, so gerät sie bald in die allerhöchste Not; die Mühlen stehen still;die Gewerbe können nichts mehr verarbeiten. Menschen nnd Tiere ver-schmachten, und von Verteidigung kann keine Rede mehr sein. Ganz soergeht es den wunderbaren Kraftmaschinen der Muskeln und allen übrigenKörperteilen, wenn sie nicht vom Blute durchströmt werden. Hundert TeileBlut enthalten 68 bis 70 Teile Wasser, daneben Eiweiß-Stoffe, Fette,Salze, Eisen, kurz alles, was im Körper überhaupt enthalten ist. Esscheidet sich bei der Gerinnung in Blutwasser und Blutkuchen. JedesTröpfchen enthält wenigstens fünf Millionen kleinster Blutkörperchen (Blut-zellen), die dem ganzen Strome die rote Farbe verleihen, und deren jedeseinzelne als eine kleine schwimmende Werkstätte für Aufnahme und Abgabevon Luft- und Nahrungsstoffen betrachtet werden muß. Das Blut ist dergesamte Menschenleib in flüssiger Form. Das Blut ist der Träger undVermittler aller Ernährungs- und Absonderungsvorgänge, ganz wie dasGeld der Träger aller Einnahmen und Ausgaben des täglichen Lebens-verkehres bildet. Ein Menschenleib, der Blut verloren hat, ist wie einKaufmann, der Geld verloren hat; seine Kraft zum Handeln ist geschwächt.„Des Menschen Leben ist im Blute," sagte schon Moses, und wer weise
ist, läßt sich nicht um kleiner Ursachen willenBlut entziehen; es wird schnell verloren nndlangsam erseht. Sorgfältige Ärzte findensehr selten, unwissende Leute sehr häufigGründe zum Aderlässen.
Die Natur hat dafür gesorgt, daßdieser Lebenssaft in alle Teile des Körpersdringe. Das Herz, das uns bei Hoffnungoder Furcht, in Liebe oder Zorn lebhafterschlägt und deshalb von den Alten für denSitz des Gemütes gehalten wurde, ist eineDruckpumpe aus Muskelgewebe, einem invier Kammern geteilten Gummiball ver-gleichbar. Die rechte Vorkammer empfängtdas Blut, das aus allen Provinzen desLeibes, von oben herab und von untenherauf, zusammenströmt und stark verbraucht,mit Kohlensäure überladen ist; sie drückt es in die rechte Kammer, unddiese treibt es in die Lungen, wo sich die großen Adern in Millionenund Millionen feiner Äderchen verteilen. Diese Adernetze umspinnen die
Fig. 6 <das Herz).
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