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Lehr- und Lesebuch für das achte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorlage der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrat des Kantons St. Gallen
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körper als eine große Fabrik vorstellen, in der friedliche Wesen in un-zähligen kleinen Kämmerchen arbeiten, um ein feines Gewebe herzustellen.Da gleicht nun der Alkohol einem brutalen Gesellen, der in die Fabrikeingetreten, von Kammer zu Kammer eilt, hier und dort störend in dieTätigkeit eingreift, das Handwerkszeug ruiniert, das Getriebe der Räderhemmt und die ganze Fabrik in Unordnung bringt." Nun gibt es aberviele Millionen von Menschen, die alltäglich ihren Körper der Wirkungdes Alkohols preisgeben.

Leute, die dem Alkohol, wenn auch auf einmal nicht übermäßig, dochdauernd zusprechen, sind keine Trunkenbolde. Man sieht sie nie in einemRausche. Die Alltagswelt zählt sie zu den Nüchternen und Mäßigen; derArzt aber erklärt sie als Alkoholiker. Kommt eine leichte Krankheit aneinen solchen Menschen, so offenbart sich die unheimliche Zerstörungskraftdes Alkohols in der betrübendsten Weise. Der Patient bedarf einer ganzbesondern Behandlung. Die Widerstandsfähigkeit, die sonst jedem lebendenKörper eigen ist, fehlt ihm vollständig. Zur ersten Krankheit gesellt sichbald eine zweite, dritte, bis der Tod dennüchternen" Mann von seinenLeiden erlöst.

3. Ein Blick ins Leben.

Vor kurzer Zeit hat der Direktor*) einer st. gallischen Irrenanstaltin einem Vortrag:Alkohol und Geisteskrankheit" erklärt:16 % unsererInsassen sind direkt infolge Alkoholgenusses geisteskrank geworden. DerRausch ist kurzer Irrsinn." Das Gehirn des Menschen mit seinen tausendund abertausend feinen Zellen ist so empfindlich, daß jede kleine DosisAlkohol schädlich wirkt. Daß man zarten Kindern keinen Alkohol, ob inMost, Bier oder Wein, verabreichen darf, sollte selbstverständlich erscheinen.Eltern, die hierin sündigen, ebnen ihren Kindern in blinder Affenliebe denWeg zum Irrenhaus oder Zuchthaus. Und doch wie häufig sieht manKinderwagen in und vor Biergärten. Statt der Milch wird den armenGeschöpfen Alkohol eingeschüttet, damit das Bewußtsein recht bald schwindeund die unverständigen Eltern um so sorgloser an den Zecherfreuden teil-nehmen können. Denn das brave Kindschläft" ja den erquickenden Wirts-hausschlaf. Tumultuiert ein Wirtshausbesucher, zerschlägt er auch nur einGläschen, wie bald ist das ganze Wirtshauspersonal hinter ihm, um denwüsten Menschen hinauszuwerfen. Der kleinen Kinder dagegen, derenGehirn und Nerven in rohester Weise zerstört werden, erbarmt sich niemand.Unwissenheit ist in den meisten Fällen der Grund solch unvernünftiger

*) Herr Direktor Schiller, Wil.