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Hans Weber, Rede bei der Enthüllung des Welti-Denkmals.
verkaufte, wie wir im Namen der Religion der Liebe uns selbst zerfleischten undwie die alte Eidgenossenschaft, die aus dieser Walstatt sich so herrlich behauptete,rühmlos unterging, nachdem die Freiheit und mit ihr Gesittung und Bildung längstin derselben zusammengebrochen ivar. Auf den Trümmern unserer Unabhängigkeitist das Haus der heutigen Eidgenossenschaft aufgerichtet, und länger als zweiMenschenalter haben wir nur kurz unterbrochene Tage des Friedens und äußernGlückes verlebt. Das sind die Tage, die Menschen und Völker am schwersten er-tragen und für welche der große Berner die Frage an uns gerichtet:
„Sag' an, Helvetien, du Heldenvaterland,
Wie ist dein alles Volk dem jetzigen verwandt?"
Sie heißt heute mit andern Worten: Ist die Kraft und die Tüchtigkeit, welcheunsere Väter in den engen Grenzen ihrer Gcmeindewcsen bewährten, unversehrt inden Bürgern der heutigen Republik erhalten? Erinnern wir uns, daß wie der Adeldeni einzelnen, so die Freiheit allem Volk die Gebote schwerer Pflicht auferlegt?Betrachten wir heute noch ivie unsere Vorfahren den Dienst für das Vaterland alsdas Zeichen und das Recht des freien Mannes, oder ist uns Ehre und Wehre zurUnlust und Last geworden? Sind wir nicht geneigt, die Form über den Geist unddas Wesen zu stellen und schon die bloßen Grundsätze unserer Verfassungen fürTugenden zu halten? Haben wir die Gefahren überwunden, mit denen heute nochwie vor Jahrhunderten die Religionsfrage unser Land bedroht, und hat nicht dasJagen nach leichtem Gewinn mit dem Dienst um schnöden Sold Platz gewechselt?
Mit diesen Fragen erforscht die Geschichte unsere Herzen, und so feiert dasschweizerische Volk den Gedenktag der Helden von Murten als einen Tag der Ein-kehr in sich selbst und des Gelöbnisses treuer Erfüllung der Männer- und Bürger-pflicht. Der Ernst dieser Gedanken adelt unsere Festfreude, und wir haben dieTrauer nicht zu fliehen, die über den Herzen von Tausenden unglücklicher Mitbürgerlagert*); dieser Ernst ist ein Bruder der werktätigen Liebe, und diese wird die höchsteWeihe über das Fest ausbreiten, wenn die Freude an dem heutigen Tage auch inder Träne, des Unglücks glänzt.
82. Rede dei der Enthüllung des Welti-Denkmals.
Gehalten den 6. Juli 1903 in Aarau von Hans Weber.
Die aargauische Centenarfeier geht ihrem Ende entgegen; aber bevor dieGlocken wieder verstummen, welche die Bevölkerung des Aargaus aus allen Teilendes Kantons in die Hauptstadt gerufen, bevor die Kränze und Fahnen wiederverschwinden, will das aargauische Volk noch einem seiner besten Söhne ein Zeichenseines Dankes und seiner Verehrung entgegenbringen. Auch den vielen Tausenden,die heute mit gleicher Gesinnung in Gedanken bei uns weilen, gehört unser Dank,gilt unser Gruß.
Mir ist die ehrenvolle Aufgabe geworden, zur Einweihung des Denkmalsvon Bundesrat Welti einige Worte der Erinnerung zu sprechen. Meinem verstor-benen Freunde werde ich es aber nicht antun, ihn zu rühmen und zu preisen inlanger Rede; weiß ich doch, daß er solchen Kundgebungen immer abhold war; abervon Tatsachen darf und will ich sprechen.
Als Emil Welti in das öffentliche Leben eintrat, hatte der Aargau alsKanton bereits die Schwelle der zweiten Hälfte des Jahrhunderts überschritten;aber was im folgenden Jahrzehnt im Aargau und dann während eines Viertel-
*) I» diesen Tagen war namentlich die Ostschweiz von großer Wassernot heimgesucht worden.