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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / im Auftr. einer Konferenz schweiz. Mittelschullehrer umgearb. von W. von Arx und Ed. Haug. Dritter Band / obere Stufe
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Rede bei der Enthüllung des Welti-Denkmals.

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jahrhunderts in der Eidgenossenschaft Großes und Schönes geschaffen wurde, istfür alle Zeiten mit dem Namen Weltis verknüpft. Wir Aargauer vorab wollenuns daran erinnern, daß Welti es war, der unser Unterrichtswesen reformiertund neu organisiert hat. Mit welch weitem Blick und Verständnis das geschah,ergibt sich daraus, daß das von ihm ausgearbeitete Schulgesetz heute noch inKraft besteht. Die Schule war ihm aus Herz gewachsen; für sie hat er gewirktbis an das Ende seines Lebens. Noch als Mitglied des Bundesrates hat er,soweit möglich, sein Tagewerk mit einer Stunde Schulbesuch begonnen, und mehrals einmal kam es vor, daß er selber den Katheder bestieg und unterrichtete.Die Wissenschaft war seine treue Begleiterin, sie war der Born, aus dem er immerund immer wieder neue Kraft und Frische schöpfte.

Und noch ein anderes Gebiet war ihm eine Herzenssache, für die er schoninr Aargau mit aller Kraft und Hingebung eingetreten war. Als es sich zuAnsang der sechziger Jahre um die volle Emanzipation der aargauischen Jsraelitenhandelte, da ist Welti mit aller Energie für den Grundsatz eingestanden, daß dieRechte und Pflichten des Bürgers nie und nimmer abhängig sein dürfen von derKonfession, daß das Glaubensbekenntnis nie und nimmer einen Einfluß habendürfe auf die rechtliche Stellung des Bürgers; daß es aber auch heilige Pflichtdes Staates sei, den Bürger zu schützen in seinem obersten Recht, seine Seelen-ruhe zu suchen und zu finden in seinem Glauben. Denn der Glaube ist eineGabe Gottes, die kein Menschenkind antasten soll. Welti wollte damit auch jenenFrieden wahren, ohne welchen in einem paritätischen Lande ein ersprießliches Zu-sammenarbeiten nicht möglich ist. Und als später im Bunde die gleichen Fragensich erhoben, da ist er für dieselben Grundsätze eingestanden mit derselben Kraftund Energie, auch wenn er die Tagesströmung gegen sich hatte. Fest und un-erschütterlich stand er da, wie ein Fels in der Meeresbrandung; eher hätte er seinAint niedergelegt, als daß er sich von diesen ewigen Menschenrechten auch nur einJota hätte abmarkten lassen. Auch bei der Ausarbeitung der neuen Bundesver-fassung hat er diesen Grundsätzen Anerkennung verschafft. Sie werden stets eineZierde derselben bilden, solange sie die Behörden zur vollen Durchführung bringen.

Welti ist es auch gewesen, der einen Hauptanstoß gegeben hat zur Revision derBundesverfassung durch sein Projekt einer neuen Militärorganisation vom Jahre1868, in welchem er auf die Wege hinwies, die hinführen zum Ideal eines echtenVolksheeres, Und nach Annahme der Verfassung hat er seine Ideen hineingelegt indas Gesetz über die Militärorganisation, und er war es, der damit das erste ein-heitliche Bundesheer geschaffen hat. Aus den Grundlagen dieses Gesetzes wird sichauch fernerhin unsere Wehrkraft ausbilden.

Die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes wurde auch erhöht durch jenesRiesenwerk, dem Welti als Bundesrat jahrelang feine volle Kraft gewidniet hat die Durchbohrung der Alpen. Schon lange teilte er die Meinung, daß diepolitische und volkswirtschaftliche Entwicklung der Schweiz eine Verbindung derLänder im Norden und Süden unserer Alpen durch eine europäische Zentral-sisenbahn verlange, welche gleichzeitig den Tessin mit dem Zentrum der Schweizin nähere Verbindung bringe. Er war der erste, der die großen Verdienste andereranerkannte; aber trotzdem wird jeder, der die Geschichte jener Periode einläßlichstudiert, mit mir zur Überzeugung kommen, daß wir ohne die Hülfe und Mit-wirkung Weltis heute keine Gotthardbahn hätten. Und so lange in unsern BergenGrund und Grat feststehn, so lange auch wird sein Name eingegraben bleiben imharten Granit des St. Gotthard.