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Band I.
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Aus dem Lande der alten Friesen.

96. a. Die Marschen.

Marschen nennt man die fetten, fruchtbaren Tiefländer an derWestküste von Schleswig und Holstein.

Sie sind gegen das Meer durch hohe Deiche (Dämme) geschützt,innerhalb deren sie mit ihren reichen Feldern voll Weizen, Raps undBohnen und den leuchtenden Grasflächen sich ausbreiten.

Es war an einem schönen, sonnenhellen Tage, an einem Sonntagobendrein; da wanderte ein junger Mann, namens Theobald, auf denhohen Kronen der Deiche dahin. -Er hatte da einen gar seltsamenAnblick: zur Linken segelnde Schiffe auf dem schäumenden Meer,das seine brandenden Wellen bis zu ihm heraufspritzte; darüberschreiende Möwenschwärme, Seeschwalben und Seeraben; zur Rechtenein sonniges Land, eine grüne, gesegnete Ebene, von Menschen-händen fleissig bebaut; Scharen Rinder weideten um die Hügel, aufdenen die Menschen in Glück und Wohlstand zwischen Blumen undGebüschen ihre friedlichen Häuser gebaut hatten. Und zwischenMeer und Land nur ein Erdwall, zwanzig bis dreissig Fuss hoch undsechzig bis achtzig Fuss dick! Wenn einer dieser Deiche durch-bräche, wenn es einer Sturmflut gelänge, ihn zu durchwühlen odermit ungeheuren Wogen über seine Kronen hereinzustürzen, so würdein wenigen Minuten die Marsch ein wüstes Meer sein, auf welchemdie Leichen der Bewohner und die zerstörten Trümmer ihres Glückeswild durcheinander trieben.

Darüber nachdenkend, blickte Theobald mit Schrecken auf dieunermessliche See hinaus, die, von Flut und Wind getrieben, immermehr anschwoll, so dass das Wasser wohl an zwanzig Fuss höher war,als das blühende, reiche Land auf der andern Seite. Da sah er einenalten Mann näher kommen, der ihn grüsste und freundlich fragte:„Sie sind wohl ein Fremder, der von Husum kommt“ ? — „Ich binein Fremder, der die Marschen sehen will“, sagte Theobald; „undSie, wohnen Sie hier in der Marsch“ ?

„Ich bin der Lehrer dieser Gegend“, fuhr jener freundlichnickend fort. „Sehen Sie über diese Marschen hin! Nirgends findenSie ein Dorf darin. Überall wohnen die Menschen hier auf einsamenHöfen, und rund umher liegen ihre Felder und Wiesen. In Schleswigsowohl wie in Holstein ist das so, an der ganzen Westküste auf vieleMeilen weit. Da ist kein Platz für ein Dorf; denn nirgends gibt eshohes, festes Land, und seit den allerfrühesten Zeiten lebt jede Fa-milie hier allein auf einem künstlichen Hügel von Lehm, der Warft,

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Schmid, Lesebuch I. 2. Aufl.

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