Band 
Band I.
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323. Ein Friedhosbesuch.

Totengräber pocht es an:

„Mach' auf, mach' auf, du greiser Mann!

2. Tu auf die Tür und nimm den Stab!

Mußt zeigen mir ein teures Grab".

3. Ein Fremder spricht's mit strupp'gem Bart,Verbrannt und rauh nach Kriegerart.

4. „Wie heißt der Teure, der Euch starbUnd sich ein Pfühl bei mir erwarb" ?

5. „Die Mutter ist es; kennt Ihr nichtDer Martha Sohn mehr am Gesicht" ?

6. „Hilf Gott! Wie groß, wie braun gebrannt!Hätt' nun und nimmer Euch erkannt.

7. Doch kommt und seht. — Hier ist der Ort,Nach dem gefragt mich Euer Wort.

8. Hier wohnt, verhüllt von Erd' und Stein,Nun Euer totes Mütterlein".

9. Da steht der Krieger lang und schweigt,Das Haupt hinab zur Brust geneigt.

10. Er steht und starrt zum teuren GrabMit tränenfeuchtem Blick hinab.

11. Dann schüttelt er sein Haupt und spricht:„Ihr irrt; hier wohnt die Tote nicht.

12. Wie schloß' ein Raum, so eng und klein,Die Liebe einer Mutter ein" ?

Johann Nepomuk Vo1802—1866.

324. Die treue Schwester.

(Aus den „Hohen Sommertagen". Hamburg, 1903.)

Water und Mutter lagen im Grab,

Und der Bruder wollt' übers weite Meer.

Karen hing an seinem Hals,

Verzagt' und weinte sehr.

2. „Meine Lampe will ich aus Fenster stell'n;Kein Stern hat einen Hellern Schein,

Herzbruder, und wenn du wiederkehrst,

Dein Schiff läuft sicher ein".