Die Schwester hatte, ohne daß Eveli es sehen konnte,die beiden Türen zum anstoßenden Krankensaal weit auf-gemacht. Nun rief die bleiche Frau, die zunächst der Türelag: „Das war ein schöner Sonntag! Bringe ihn uns dochwieder!“ Und Eveli hörte noch andere schwache Stimmen,die baten. „Singe auch einmal hier drinnen hei uns!“
Nun kam aber die Schwester heraus und sagte, die Zeitsei da für Eveli, das Krankenhaus zu verlassen. Aber morgenund jeden Tag um diese Zeit dürfe es wiederkommen. Es könneauch sehen, daß die Kranken alle es mit Freuden erwarten.
Eveli konnte nicht schnell genug den Berg hinaufkommen,um der Mutter alle die wunderbaren Ereignisse vorn Kranken-hause, die es eben erlebt hatte, mitzuteilen. Diese hörtemit stiller Verwunderung das Kind an und bemerkte es wohl,wie glücklich es sich fühlte, daß es den armen Kranken soviel Freude hatte bereiten können. (Johanna Spyri.)
43. Kindliche Guttätigkeit.
Ein armer Taglöhner, namens Morwan, kam im Winter 1842mit seinem neunjährigen Knaben nach Paris, um bei den Be-festigungsarbeiten irgend Beschäftigung und Brot zu suchen. Erwurde unter die Arbeiter aufgenommen; aber er verdiente kaumso viel, um Nahrung und Wohnung bezahlen zu können.
Sein Knäblein hatte die Bewilligung erhalten, die Dorfschuleim benachbarten Passy zu besuchen. Es war aber nicht selten,daß der arme Mann und sein Söhnlein des Abendbrotes unddes Nachtessens entbehren mußten. In dieser traurigen Voraus-stcht sagte eines Tages der arme aber lebhafte Knabe zu einemseiner Schulkameraden: „Heute werden wir, ich und mein Vater,wohl wieder ohne Nachtessen schlafen gehen müssen; denn wir habengar kein Brot mehr." Diese Rede vernahmen die andern Kindermit Staunen. Die Worte gingen von Mund zu Munde und er-regten die kindlichen Herzen zum Mitleid. Am andern Morgentrat einer der kleinen Mitschüler, obgleich er selbst dürftig war,zu dem Knaben des Taglöhners und teilte sein Brot mit demselben.