199
192. Waldstadt und Riese.
Es ist eine Stadt mitten im Walde. Die Stadt hat vielehundert Straßen. Drinnen lebt ein Völkchen, das ist weit undbreit berühmt wegen seines Fleißes. Vom Morgen bis zum Abendsind dort alle rührig bei der Arbeit. Sie klettern auf die Bäumeund holen Holz herab, schleppen Gras heim, pflegen ihre Kinderund bauen neue Wohnungen. Dabei leben sie still und friedlichnebeneinander; wenn einer in der Straße geht und seine Last nichtallein fortschleppen kann, springt gleich ein anderer bei und hilft,ohne daß er sich erst bitten läßt.
Da geschah aber an einem schönen Nachmittag ein großesUnglück. Als eben die Alten ihre weiß eingewickelten Kinder vordie Stadt getragen und in den warmen Sonnenschein gelegt hatten,kam plötzlich ein Riese durch den Wald daher. Die Schildwachengaben schnell ein Zeichen. Wie, das weiß ich selbst nicht; dennTrommeln und Trompeten sind nicht in selbiger Stadt; aber dieEinwohner verstehen sich doch.
Als der Riese aus die Stadt zukam, rannte alles heraus undwollte nur schnell die Kindlein retten. Doch ehe das Gewimmelnoch hinein war, kam schon der Riese heran und trat mit einemFuße mitten aus die Stadt, daß gleich mehr als hundert Straßenzusammenstürzten. Und da nun schon alles durcheinander rannteund flüchtete, bückte sich der Riese und warf mit seinem Fingerlangsam, wie zum Zeitvertreib, eine Straße nach der andern ein.Er hatte seine Freude an dem ängstlichen Gewimmel, und esmachte ihm Spaß zu sehen, wie die armen Leute nur immerzuerst nach ihren Kindern griffen und sie über die Trümmer hinwegbeiseite schleppten in die unversehrten Straßen.
Das kleine Völkchen verlor aber den Mut doch nicht. VieleHunderte machten sich auf und marschierten tapfer aus den Riesenlos; sie stachen ihn mit ihren Waffen so tüchtig, daß es ihn amganzen Leibe wie Feuer brannte, und er von der Stadt zurücktrat.
Aber der Herr des Waldes sprach zu dem Riesen: „Du un-geschickter, fauler Mensch, was hat dir mein gutes, fleißiges