Band 
Dritter Teil.
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68. Der Weinstock.

Am Tage der Schöpfung rühmten sich die Bäume gegeneinander, und jeder frohlockte über sein eigenes Dasein. „Michhat der Herr gepflanzt," sprach die erhabene Zeder; „Festigkeitund Wohlgeruch, Stärke und Dauer hat er in mir vereinigt."— „Jehovahs Güte hat mich zum Segen gesetzt," sprach der um-schattete Palmbaum; „Nutzen und Schönheit hat er in mir ver-mählet." — Der Apselbaum sprach: „Wie ein Bräutigam unterden Jünglingen prange ich unter den Bäumen des Feldes." —Und die Myrte sprach: „Wie unter den Dornen die Rose steheich unter den niedrigen Gesträuchen." — So rühmten sich alle,der Ölbaum und der Feigenbaum, selbst die Fichte und die Tanne.Nur der Weinstock schwieg und sank zu Boden. „Mir," spracher zu sich selbst, „scheint alles versagt zu sein, Stamm und Äste,Blüten und Früchte; aber so wie ich bin, will ich hoffen undwarten." — Er sank darnieder, und seine Zweige weinten. Nichtlange wartete und weinte er, da trat freundlich der Mensch zuihm. Er sah ein schwaches Gewächs, ein Spiel der Lüfte, dasunter sich sank und Hilfe begehrte. Mitleidig erhob er es undschlang den zarten Baum an seiner Laube hinauf. Froher spieltenjetzt die Lüfte mit seinen Reben; die Glut der Sonne durchdrangderen harte, grünende Körner und bereitete in ihnen den süßenSaft, den Trank für Götter und Menschen. Mit reichen Traubengeschmückt neigte bald der Weinstock zu seinem Herrn sich nieder;dieser kostete seinen erquickenden Saft und nannte ihn seinen Freund,seinen dankbaren Liebling. Die stolzen Bäume beneideten ihn jetzt;denn viele standen fruchtlos da; er aber freute sich voll Dank-barkeit seines geringen Wuchses, seiner ausharrenden Demut.Darum erfreut noch jetzt sein Saft des traurigen Menschen Herz,erhebt den gesunkenen Mut und erheitert den Betrübten.

(I. G. von Herder.)

69. Der Stellvertreter.

Ein reicher Jüngling zu Rom hatte an einem schweren Übelkrank gelegen; endlich genas er und ward gesund. Da ging er