145
zeugte von seiner Unschuld so freudig, daß der Richter ihn losließund beschenkte.
Drei Freunde hat der Mensch in dieser Welt; wie betragensie sich in der Stunde des Todes, wenn ihn Gott vor Gerichtfordert? Das Geld, sein bester Freund, verläßt ihn zuerst undgeht nicht mit ihm. Seine Verwandten und Freunde begleitenihn bis zur Türe des Grabes und kehren wieder in ihre Häuser.Der dritte, den er im Leben oft am meisten vergaß, sind seinewohltätigen Werke. Sie allein begleiten ihn bis zum Thronedes Richters, sie gehen voran, sprechen für ihn und finden Barm-herzigkeit und Gnade. (I. G. von Herder.)
71. Gleichnis von den Kleidern.
Wenn du einen Flecken an deinem Kleide oder irgendwoeinen Riß hast, fo denkst du oft: „Pah! das sieht man nicht, unddie Leute haben anderes zu tun, als immer alles an mir auszu-mustern." — Du gehst dann frank und frei umher, und es kannoft sein, du hast recht: es sieht niemand den Flecken und den Riß.
Wenn du aber etwas Schönes auf dem Leibe hast, sei esnur ein neues Halstuch oder ein frisches Hemd mit weißer Brustoder gar eine goldene Nadel und dergleichen: da gehst du oft mitherausforderndem Blick hinaus und schlägst die Augen dannnieder, um es nicht zu bemerken, wie alle Leute, was sie inHänden haben, stehen und liegen lassen und gar nichts tun, alsdeine Herrlichkeit betrachten. So meinst du; aber es ist auch ge-fehlt: kein Blick wendet sich nach dir und deiner Pracht.
Das eine Mal meinst du, man sehe dich gar nicht, und dasandere Mal, die ganze Welt habe auf dich gewartet, um dich zubeschauen; aber beides ist gefehlt. Gerade so ist es auch mitdeinen Tugenden und Lastern.
Wenn du einen bösen Weg gehst, so meinst du, es kennedich kein Mensch, und keiner sehe nach dir um, und es sei stock-dunkel. Wenn du aber dem Rechtschaffenen nachgehst, so redestdu dir oft ein, jeder Pflasterstein habe Augen, jedes Kind kennedich und deine Gedanken, und tausend Sonnen schienen. Allein
*** 1A