148
j er tot) mit Namen, ward mit dem Prediger Tcescho bekannt undbesuchte ihn oft, um sich mit ihm über wissenschaftliche Gegenständezu unterhalten. Einstmals traf er den jungen Herder, der vonihm Ms dahin gar nicht beachtet worden war, allein in derWohnung. Er setzte sich, um den Prediger, der ausgegangen war,zu erwarten, und ließ sich mit Herder in ein Gespräch ein.
Dieser war ihm bisher als ein armer, unwissender Aufwärtererschienen, und jetzt fand er in ihm einen gebildeten Jünglingmit ganz bestimmten Ansichten und Anschauungen, und zwar mitsolchen, die sowohl seinem Verstände, als auch seinem Herzen Ehremachten. Schnell verwandelte er das „D u" der Anrede in „S i e"und fragte: „Ich möchte wohl wissen, welche Männer der Ver-gangenheit Sie verehren!"
„O, wie viele verehrt meine Seele!" sagte Herder mit leuch-tenden Augen. „Alle, die ihre Mitbrüder mit Kunst und Wissenbereicherten, und an deren Werken heute noch die Geister wachsen;alle, die ihren Mitbrüdern durch ihr Leben das Beispiel einesedlen, reinen, Gott wohlgefälligenMandels gaben! Ihre Namenleuchten in der Geschichte wie Sterne am Himmel."
Schwarzerloh war aufgestanden und ging in der Stube aufund ab. „Sie sind Aufwärter," sagte er, „und doch scheinen Siesich viel! mit Büchern zu beschäftigen. Wann haben Sie denndie Zeit dazu?"
Herder schwieg einen Augenblick. Dann sagte er: „Ichhatte jahrelang einen guten Unterricht. Seit einiger Zeit freilichleide ich schwere Pein. Erst wenn es täglich finster wird aufErden, dann brechen meine Tage an. Hier ist die Bibliothek unddort meine Kammer. — Sie verstehen mich! — Ich habe wenig-stens eine Zeitlang glückliche Nächte verlebt. — Doch jetzt sindmeine Nächte auch wieder finster geworden, denn ich darf . .. ."
Schwarzerloh stand still. Ein Gedanke ging ihm durch dieSeele. „Sie haben," unterbrach er Herder, „sich doch gewiß auchmit fremden Sprachen beschäftigt?" Er ging zum Bücherschrankund nahm ein lateinisches Werk hervor. Indem er das Buchaufschlug, hielt er es Herder hin und fragte, ob er dies übersetzen