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Schweizergeschichte für Sekundar-, Real- und Mittelschulen / von Prof. Dr. Wilhelm Oechsli
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§ 25. I)ie Gcgenreformation in (1er Sclnveiz.

1. Die Austreibung der Locarner (1555).

Seit dem Kappelerfrieden war die Rude in der Eidgenossen-scliaft âuBerlich wieder liergestellt; aber in den Herzen dauertedie Spaltung fort. In unbesieglicliem MiBtrauen standen diebeiden Glanbensparteien einander wie zwei feindliche Kriegs-iager gegenüber. Kleinliche Yorfàlle, grandiose Geriiehtedrohten jeden Augenblick den Bürgerkrieg neu zu entzünden.

Man leistete sich den im Stanserverkommnis gebotenen B un-desschwnr nicht mehr, weil die Katholischen verlangten,daû die Reformierten dabei ebenfalls auf die Heiligen schworenmüBten. Die Y O rte, denen sich in Glaubenssachen gewohn-licli auch Freiburgund Solothurn beigesellten, machtennach wie vor aile wiclitigern Fragen, die auf der Tagsatzungzur Sprache kommen sollten, in besondern Beratungen voi-lier unter sich aus, und die IV reformierten Stadte Zurich,Bern, Basel und Schaffhausen, ahmten das Beispielnotgedrungen nach. Die gemeinen Herrschaften boten be-standig Zündstoff zu neuem Hader. Die Katholiken gabendem Landfrieden die Auslegung, daB, wer in den gemeinenYogteien den alten Glauben habe, ihn nicht verlassen diirfe,wohl aber umgekehrt. Als sich daher zu Locarno eineGemeinde von Reformierten bildete, erklârten sie diese fiirRebellen und Verbrecher und wollten als Mehrheit zu ihrerZüchtigung sclireiten. Zürich war bereit, fiir seine Glaubens-genossen das Schwert zu ziehen. Allein die übrigen rèfor-mierten Orte bequemten sich zu einem Vergleiche, wonachdie Locarner ihren Glauben abschwôren oder das Land ver-lassen muBten. Die meisten wâhlten das letztere. SechzigHauslialtungen überstiegen die Alpen und kamen nach Zürich, 155wo man ihnen freundliche Aufnalime gewâhrte, obgleich dieStadt sclion von deutschen und englischen Religionsflücht-lingen wimmelte. Die Locarner vergalten diese Gastfreund-schaft, indem sie in Zürich die für dessen Zukunft so wicli-tige Seidenindustrie in Aufnahme brachten. Freilich er-