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letztes Wort war: „Ich bin dem Aeskulap (dem Gotteder Heilkunde) noch einen Hnhn schuldig, opfert ihn dochja!" Erst nach seinem Tode sahen die Athener ihr großesUnrecht ein. Die ganze Stadt war in Trauer, als würdein jedem Hause ein Todter beweint. Seinen Hauptan-kläger verurtheilten sie zum Tode, die übrigeil jagten sieaus dem Lande. Ihm aber errichteten sie eine prächtigeStatue und verehrten ihn fast wie einen Gott. SeineSchüler, unter denen Xenophon und Plato die be-rühmtesten sind, breiteten schriftlich und mündlich seinetrefflichen Lehren unter die Menschen aus.
Das Leben dieses Mannes ist wohl das Erhabenste,Edelste, was die heidnische vorchristliche Zeit auszuweisenhat. Aber zugleich zeigt uus auch am besten Sokrates,wie armselig der Mensch ist, der nicht ganz dem Rufeseiner Vernunft und der Stimme seines Gewissens folgt.Wohl spricht er int trauten Kreise seiner Schüler hinund wieder von einem einzigen wahren Gott, kommtaber doch immer wieder auf die Götter zurück und for-dert seine Schüler auf, dieselben zu verehren; ja er läßtbei seinem Tode ihnen noch als letzten Seuf-zer den Auftrag zurück, den falschen Götternfür ihn ein Opfer d a r z u b r i n g e n.
Gott hat nämlich von Anfang an einem jeden Men-schen sich geoffenbart und offenbart sich fortivährend derMenschheit, damit am Tage des Gerichtes Niemand eineEntschuldigung habe. Diese Offenbarung geschieht erstensdurch die Stimme des Gewissens, zweitens durchd i e ä u ß e r e s i ch t b a r e S ch o p f u n g und drittens durchdie mündliche und schriftliche Ueberlieferung,die von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrhilndert zuJahrhundert wie ein großer geistiger Strom durch dieGeschichte geht. Wer dieser Offenbarung sein Ohr ver-schließt, der wandelt freiwillig und schnldbar im Irrthumeund hat deshalb auch kein Anrecht auf die übernatürliche