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nicht durch verführerische Schauspiele, noch durch schwelge-rische Gastnlähler verdorben. Ihre Keuschheit und Sitten-strenge gaben ihnen Kraft und machten sie geeignet, die star-ken Träger des Christenthums zu werden, während die i»Lüsten entnervte römische Welt unterging. Wohl bestandauch die Religion der Germanen anfänglich noch ineinem reinen Natnrdienste. Alle großartigen Erscheinungenin der Natur, welche das menschliche Gemüth bald zurinnigsten Liebe und Dankbarkeit stimmen, bald mit un-aussprechlicher Furcht und Angst erfüllen, waren Gegen-stände ihrer Verehrung. Sie verehrten die Sonne, derenStrahl die feste Eisrinde des langen Winters sprengt,den Frühling hervorruft und neues Leben über die ganzeNatur ausgießt; den Mond, dessen sanfte Majestät zuAller Herzen spricht, der freundlich in die lange Winter-nacht sein Licht sendet und die dunklen Wälder erhellt,daß der Wanderer den Steig finde und der Jäger seineHütte; das Feuer als Bild der Sonne; die Erde(Hertha), welche geduldig, einer liebenden Mutter gleich, desLebens Bedürfnisse hervorbringt und aus ihrem SchooßeBerge, Flüsse und Wälder emportreibt. Den Urheberder Gewitter nannten sie Thor oder Tuner, und als©öttiit der ehelichen Liebe und Freundschaft verehrten siedie Freja. Als höchster Gott aber galt ihnen Wodanoder Guodan. An ihn richtete man seine Gelübde, erverlieh den Sieg in den Schlachten. Der gemeinschaft-liche Stammvater aller Deutschen, dem deshalb auch gött-liche Ehre erwiesen wurde, hieß Tnisko oder Teut.')Doch je naturwüchsiger die alten Germanen waren, eine
') Nach den Gottheiten wurden auch die Wochentage benannt.Der erste hieß von der Sonne Sonntag; der zweite vom MondeMontag; der dritte von Thnisko Tnistag oder Dienstag; dervierte vom Guodan Guodanstag d. i. Gnnstag; der fünfte vomThor Thorstag d. i. Donnerstag; der sechste von Frcga Freitag;der siebente von ihrem Gotle Sater, Satertag.