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Illustrirte Weltgeschichte in Charakterbildern in verbindung mit einem Abriss der Geschichte : für Schule und Haus / bearb. von Franz Xav. Wetzel
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Lektüre holen. Als der Kaiser im Jahre 883 ini Klostereinen Besuch machte, trug er das Buch des hl. Gregor I.über die Evangelien, die Kaiserin Richard die Predig-ten eben dieses Vaters über Ezechiel, und Luitwart,der Erzkanzler und erste Minister, die Briefe des hl. Hie-ronymus aus der dortigen Bibliothek bei sich, schreibtder Geschichtschreiber von St. Gallen. War es da zu ver-ivundern, daß bei dieser geistigen Regsamkeit die Kloster-mauern unzählige gelehrte Männer beherbergten? Imneunten und zehnten Jahrhundert verstanden, lasen undschrieben die Mönche von St. Gallen Deutsch, Lateinischund Griechisch; sie waren bewandert in der Astronomie,Physik, Erklärung der hl. Schrift, in der Geschichte undklassischen Literatur. Die Professoren standen im Brief-wechsel mit dem Hof und den Gelehrten ihrer Zeit undwurden nicht selten in ferne Länder auf Bischofstühleberufen. Die Mönche von St. Gallen waren unter denersten, welche die deutsche Sprache in eine Schriftspracheumzubilden suchten. Notker Labeo, von seinen Zeit-genossen ,,Teutonicus, derDeutsche", genannt, widmetefast sein ganzes Leben dem Uebersetzen lateinischer Schrif-ten in's Deutsche.Das Verdienst des unermüdlichenMönches," sagt Lindemann,um die syntaktische Ausbil-dung der deutschen Sprache, um ihre zur philosophischenDarstellung nöthige Fortbildung und Eriveiterung kannnicht leicht zu hoch angeschlagen werden."

Alle größeren Klöster besaßen Männer ausgezeichneterWissenschaft; mit jedem Kloster war gewöhnlich auch eineSchule verbunden. Man lehrte dort Theologie, Philoso-phie, Sprachen, Kunst und Rechtswissenschaft. Es würdezu lange dauern, all' die Klosterschulcn anfznzählcn, wel-che im Mittelalter so hellen Glanz durch ganz Europaverbreiteten. Die berühmtesten waren im zehnten Jahr-hundert Prüm, St. Germain in Paris, Fulda,Hirschfeld, Luxeuil, St. Bonifazius in Rom