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Obschon Rudolf den ersten Thron von Europa besah,so machte ihn doch diese hohe Würde nicht stolz undanmaßend. Er besuchte als Kaiser noch einen reichenGerber bei Basel, mit dem er früher bekannt gewordenwar, und stand vor einem Bürger aus Zürich vomThrone auf, weil dieser ihm einst das Leben gerettethatte. Man sah ihn sogar im Felde seine einfache Klei-dung mit eigener Hand ausbessern und seinen Hungermit ungekochten Rüben stillen. Wegen seiner Einfachheitward er oft verkannt und hatte manch' kurzweiligesAbenteuer.
Einst, da das kaiserliche Hoflager bei Mainz stand,kani er in seinem geivöhnlichen Wamms in die Stadt.Es war strenge Kälte. Er trat eben in das offene Hauseines Bäckers, um sich am Backofen zu wärmen. DieFrau des Bäckers aber, die ihn für einen gemeinenKriegsknecht hielt, wollte das nicht leiden und schimpfteaus Leibeskräften auf den König, der mit seinen Leutendem Bürger zur Last falle. Rudolf lächelte. Darüberwurde das Weib noch zorniger und goß mit einem Kü-bel Wasser nach ihm. Der Kaiser blieb gelassen und gingtriefend in's Lager zurück. Zu Mittag schickte er einenseiner Bedienten mit mehreren gut gefüllten Schüsielnzu der Frau und ließ dabei sagen, „das schicke ihr derReitersmann, dem sie am Morgen so reichlich zu trinkengegeben." Wie erschrack nun die Frau, als sie hörte, daßdieser Reitersmann der Kaiser selbst sei! Eiligst lief siein das Lager hinaus und warf sich ihm zu Füßen. Ru-dolf aber hieß sie freundlich ausstehen und legte ihr keineandere Strafe auf, als daß sie vor der ganzen Gesell-schaft den Vorfall erzählen solle. Das that denn die Frauzum herzlichsten Ergötzen der niuntern Tischgesellschaft.
Diese kleinen, scheinbar unbedeutenden Begebenheitencharakterisiren wohl am besten den wahrhaft großenKaiser, den seine Zeitgenossen den „Spiegel und die