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Spiele. Als solche werden von den Zeitgenossen gewöhn-lich Tanzen, Fechten, Ringelrennen, Mumme-r ei und Feuerwerk bezeichnet. Insbesondere waren dieMummereien außerordentlich beliebt, und es wurdeviel Geld auf dieselben verwendet. Es waren aber ge-wöhnlich nicht sinnlose Maskenaufzüge, sondern mit Scharf-sinn erfundene und mit Sorgfalt durchgeführte allegorischeDarstellungen, welche eine nähere Beziehung auf dieFestfeier hatten.
Sogar mit den kirchlichen Festen waren oft solcheMummereien verbunden. In Italien und Südfcankreichwurde kein Patrocinium, in Deutschland keine Kirchweiheohne Maskenaufzüge und dramatische Darstellungen ge-feiert. Zu Ehren der Flucht nach Aegppten hielt manjedes Jahr ein sogenanntes Esels fest. Eine Frau miteinem Kinde auf dem Arme wurde auf einem reich ge-schmückten Esel in langer, feierlicher Prozession zur Kirchegeführt. War der Zug vor dem Altare angekommen, sobegann die hl. Messe. Zu Pfingsten ließ man anmanchen Orten beim Gloria in der Messe weiße Taubenausfliegen, ivobei Feuerwerk abgebrannt wurde und dasVolk in lauten Jubel ausbrach. Dies Alles geschah nichtetwa zur Verhöhnung des Heiligen, sondern um demGegenstand der kirchlichen Festfeier einen recht lebendigenund bezeichnenden Ausdruck zu geben. Auch mit der Fron-leichnamsprozession waren immer Festspiele verbunden,zu denen Tausende von Zuschauern herbeieilten. Diesesinnbildlichen Auszüge gaben auch wohl die Veranlassungzu den geistlichen Festspielen des spanischen Dichters Cal-dera», die zu den erhabensten Schöpfungen christlicherDichtung zählen.
Das Mittelalter, erfüllt von lebendigem Glaubenund begeisterter Liebe zu der Religion, suchte Alles inanschaulichen Bildern gleichsam zu verkörpern und durchsichtbare Darstellungen den Sinnen nahe zu bringen.