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Wenn wir heute noch in frommen Faniilien am Weih-nachtstage eine Krippe finden, an der die Kinder nichtgenug verweilen können, wenn die Kirche überhauptdurch die glanzvolle Entfaltung ihrer reichen und sinn-vollen Ceremonien das Uebersinnliche und Göttliche demau die Sinne gebundenen Menschen nahe zu bringen sucht,so wollte das phantasiereiche Mittelalter eben alle religi-ösen Wahrheiten durch äußere Darstellungen veranschau-lichen und seinen christlichen Sinn daran beleben. Selbstdie allzureichlicheu Festessen sollten nur an die ewigenFestfreuden erinnern, die unser im Himmel warten, wieoer Dichter des „hl. Gral" so schön singt:
„Wohl Mancher spricht:
's ist beispiellos! — Jedoch er bricht
Sich selbst den Stab; denn Segen spendend,
Anch säße Weltlnst reich verschwendend,
Das ist der Gral, und darin gleich,
Was man erzählt vom Himmelreich."
XXXVIII. König Ludwig der Heilige.
Ludwig IX., König von Frankreich, war einer derbiedersten und gottesfürchtigsten Männer, die je dasSzepter geführt haben. Seine fromme Mutter Biancaverwendete alle Sorgfalt auf die Erziehung ihres Soh-nes. Besonders flößte sie ihm einen tiefen Abscheu vorjeder Sünde ein und wiederholte oft in seiner Gegen-wart die Worte: „Lieber wollte ich dich todt in meinenArmen sehen, als daß du eine einzige Todsünde begin-gest." Ludwig dankte der Mutter für ihre Sorge bis zuihrem Tode durch kindliche Liebe und unbedingtes Ver-trauen.
Die Frömmigkeit 'war der Haupt- undGrundzug seines Charakters. Selten geschah es,daß er nicht täglich wenigstens zwei hl. Messen hörte,oft hörte er drei und vier; täglich wohnte er einerTodtenniesse bei, sprach die kirchliche» Tagzeiten und