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und das Haupt des unschuldigen Königs wurde vomRumpfe getrennt. Einer der Henkersknechte hob es tri-umphirend empor und zeigte es dem Volke, während vonallen Seiten das Geschrei ertönte: „Es lebe die Nation!Es lebe die Freiheit!" Hüte und Mützen flogen in dieHöhe, und singend tanzte der Pöbel um das Blutgerüst.Der beffer gesinnte Franzose aber verbarg, aus Angstvor jener Rotte, seinen tiefen Schmerz in stiller Brust.— So ward von Frankreich, wie 144 Jahrefrüher von England an Karl I., das entsetz-liche Verbrechen eines durch Richtersprnch ver-hängten Königsmordes vollführt, ein Ver-brechen, von dem wir in der ganzen Geschichtedes Alterthums kein zuverlässiges Beispielfinden. Aber so weit kann der Mensch kommen, wenner, aller Religion baar, nur der Leidenschaft gehorcht.Wo die Grundlagen der Sittlichkeit, des Rechtes und derOrdnung, wo Gott und sein Gebot abhanden gekommen,da wird auch die gesellige und staatliche Ordnung selbsterschüttert und bricht endlich zusammen, und auf ihrenTrümmern herrscht, schwelgt, raubt und mordet die ent-fesselte Leidenschaft.
Man konnte nicht hoffen, daß die Königin ihren Ge-mahl lange überleben würde; denn sie war bei der Hefedes Volkes noch mehr als er der Gegenstand des Haffes.Am 16. Oktober 1793 wurde Maria Antoinette, dieeinst allgebietende Königin von Frankreich, Maria There-sia's Tochter, Schwester zweier Kaiser und eines nochlebenden Kaisers Muhme, wie eine gemeine Verbrecherin,mit rückwärts gebundenen Händen, auf offenem Karrennach dem Richtplatze geflihrt. Auf dem Blutgerüste warfsie noch einen wehmüthigen Blick auf die Tnilerien undempfing dann mit Ergebung in den Willen Gottes denTodesstreich. Dasselbe Schicksal hatte am 10. Mai 1794Ludwigs tugendhafte Schwester, die Prinzessin Elisabeth.