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Fuss fand den Weg über die steilsten Abhänge, und oft konnteman ihn, sein Schaf quer über den Nacken gelegt, an Stellenherunterschreiten sehen, wo sich sonst der geübte Bergsteigerzur Vorsicht an Gesträuch oder selbst am Alpenrasen undGestein hält.
Dieser wackere Alpensohn sah eines Tages im Juni 1864an einer senkrechten Felswand, über der er seine Schafeweidete, von Zeit zu Zeit einen grossen Vogel her umflattern.Trotz seines Falkenauges konnte er auf dem schwarzen Hinter-grund einer unabsehbaren Tiefe nicht erkennen, welcher Gat-tung der Vogel sei. Seine Neugierde wuchs, als er bemerkte,dass derselbe oft für einige Zeit in einer Tiefe von etwa 18 munter ihm verschwand. Es musste da, so schloss er gleich, inder Felswand eine Holde vorhanden sein, wo sein geflügelterNachbar wahrscheinlich ein Nest hatte.
Valentin erinnerte sich, dass er sich schon oft eine Leiteraus Bingen von Birkenreisern gemacht hatte, wann ihm derUmweg zu weit schien, den er machen sollte, um eine senk-rechte Wand zu umgehen. Alle Zwergbirken in weitem Um-kreise mussten ihm auch jetzt ihre Zweige liefern. Nach meh-reren Stunden unverdrossener Arbeit sah er sich im Besitzeeiner Kette mit grossen Bingen, die gegen 24m mass. Jetztnahte er sich dem Bande der Felswand, um seine Leiter anden Ast einer Legföhre zu befestigen, die nach seinen Ver-suchen mittelst hinuntergeworfener Steine sich gerade senk-recht über der Stelle befand, wo der Vogel wiederholt ver-schwunden und wieder erschienen war. Mit Bangigkeit erwarteteer den Augenblick, wo er denselben aus der Höhle kommen,einen Augenblick mit ausgebreiteten Flügeln darum herum-schweben und dann sich entfernen sah. Jetzt war der rechteAugenblick gekommen. Die Kette wurde noch einmal Gliedfür Glied untersucht und deren Befestigung an der Legföhregenügend erfunden. Kaum hing sie über dem mehr als 360 mtiefen Abgrunde, so schwang sich Valentin über den Felsrand,und langsam, jedoch mit sicherem Tritte, ging’s hinunter. DasSchwanken seiner Leiter brachte den kühnen Jungen keines-wegs ausser Fassung. Er stemmte den einen Fuss gegen denFelsen und hielt so die Schwingungen auf. Endlich erschiendie Felshöhle. Sie barg einen jungen Königsadler, der den