36
das Erwachen; denn von allen Seiten schwebten am Morgen-himmel Wolkengebilde umher und schienen ein Gewitter vor-zubereiten. Aber die lockern Gestalten zerflogen, wie sie kamen,und gegen Sonnenuntergang war der Himmel wieder rein.Nun war ich heute abend mit mehreren Freunden zusammenim traulichen Stübchen. Die Fensterläden waren geschlossen,und unsere Gespräche liessen die Zeit schneller vorübereilen,als wir dachten. Wir wollten uns eben verabschieden, als einervon uns plötzlich rief: ,jjftill!“ und das Ohr an die Fenster-scheiben hielt. „Ja, es regnet“, sagte er, und im nu warendie Fenster geöffnet.
Das war eine Lust! In kräftigen Güssen kam es herunter,und der fallende Hegen leuchtete in dem Widerschein derLampen und Kerzen. Denn überall waren in den Häusern dieFenster geöffnet, und hier und dort rief es einer dem andernzu, was für eine köstliche Gabe da vorn Himmel komme. Eswar ein Leben in der späten Nachtzeit, als wenn ein freuden-reiches Fest gefeiert würde. Der Himmel war mit einemruhigen Dunkel verschlossen; Wolken konnte man nicht unter-scheiden, und von Gewitter war keine Spur; niemand hatteein Blitzen oder Donnern bemerkt. Lange standen wir nochbeisammen, als der erste mächtige Schauer schon vorbei undin ein sanftes Geträufel übergegangen war. Das leise Gerieseldauert jetzt noch fort. Mir ist, als müsste ich über die segens-reiche Dunkelheit einen glänzenden Regenbogen herabrufen,das Friedenszeichen desjenigen, der da austrocknet die Ströme,und Quellen eröffnet in den Felsen der Berge. (H. Bone.)
2. Der Winter.
Sie sind verschwunden, die reizenden Tage und hinter-lassen uns ausser dem süssen Andenken, sie genossen zu haben,nichts als Bilder der Yergänglichkeit. Wie hat sich die ganzeGestalt der Natur verändert, und wie traurig blickt die Sonneaus trüben Wolken über Gärten hin, wo keine Blume mehrblühet, über Felder, wo keine Spur der Ernte mehr ist, undüber Hügel, wo der dürre Rest des Grases verblichen ist! Inder Luft ist das Konzert der Vogel verstummt, und ihre Stillewird nur etwa von dem Gekrächze der Krähen oder von demGeschrei der Zugvogel unterbrochen, die nach den wärmern