Buch 
Deutsches Sprachbuch für die zweite Klasse der Sekundar- und Bezirksschulen auf Grundlage des zürcherischen Lehrplans und mit Berücksichtigung der obligatorischen Orthographie / bearb. von U. Wiesendanger
Entstehung
Seite
35
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Zweite Abteilung.

1. Der Degen nach langer Dürre.

Soeben bin ich auf mein Zimmer zurückgekommen; esist nahe an Mitternacht, und doch wird es mir schwer, michv om offenen Fenster zu trennen. Ich möchte heb er wiederhinausgehen und mich nass regnen lassen von dem lang er-sehnten Segen, der vorn Himmel trieft. Denn nicht ein klarerMondschein ist es, der mich ins Freie zieht, sondern dasschwarze Dunkel unter einem bewölkten Himmel und das Ge-riesel eines leisen Regens ruft mich aus Fenster und locktmich hinaus.

Viele Wochen schon haben Pflanzen und Tiere darnachgelechzt. Das Korn hat falbe Ähren getrieben, ehe noch derHalm zu seiner Grösse gekommen. Das Gras vermochte kaumdie dürre Farbe des Winters aus den Wiesen zu vertreiben.Die Bäume haben gewaltsam ihre Blüten hervorgedrängt, ohneNahrung für das Wachstum der Blätter zu besitzen. DieQuellen versiegten, und in den Bächen blieb nur feuchterSchlamm. Die Fischer wussten keine Fahrt mehr im Stromezu finden; die Wassermühlen standen verlassen und stumm.Das Ungeziefer vermehrte sich; die edleren Tiere hingegenjammerten nach Futter. Die Sonne lag jeden Abend in einemtrüben Dunste wie eine glühende Scheibe, und am anderenMorgen stieg sie weiss glänzend am blauen Himmel wiederempor, ohne dass die Nacht einen erquickenden Tau gebrachthatte.

Gestern abend endlich sammelten sich im Westen einigegrosse Wolken. Sie wurden begrüsst wie teure Freunde, dievon ferner Reise zurückkehren und zu lange über die bestimmteZeit ausgeblieben sind. Aber sie verschwanden mit der ab-nehmenden Dämmerung, und es zog wieder ein heller Sternen-himmel herauf. Recht wie Getäuschte kehrten die Leute ausdem Freien in die Wohnung zurück und hatten für den Mor-gen weniger Hoffnung als zuvor. Desto überraschender war