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Deutsches Sprachbuch für die zweite Klasse der Sekundar- und Bezirksschulen auf Grundlage des zürcherischen Lehrplans und mit Berücksichtigung der obligatorischen Orthographie / bearb. von U. Wiesendanger
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gewohnt, in Verfolgung der scheuen Grattiere einen festenTritt über Abgründen zu fassen, sah er mit stolzer Zuver-sicht in die Tiefen der ruhigen Täler, wo Gewalt und Herrsch-sucht die stillen Hirten zu minderen Gefahren im Kampfefür Recht und Freiheit riefen. Ein grösseres als das Werkder Befreiung dieser Täler war dem tapfern Urhelden desSchweizerbundes vorbehalten. Er zuerst sollte sein Teuerstesan das Glück eines schnellen Augenblicks, sein Liebstes anden unsichern Wurf seines Geschosses setzen und dadurch einVorbild der Befreiung seines Volkes und das ermunternde Bei-spiel vaterländischen Heldensinnes, sein Name sollte das grosseLosungswort eines tapfern Freistaates werden. Nie hat einHeld der Vor weit ein gefährlicheres Ziel getroffen, nie einegefahrvollere Tat getan, als Teils Pfeilschuss nach dem Apfelauf dem Kopfe seines Kindes war. Seine Gegenwart des Geistesin einem Augenblicke, an dem das Teuerste seines Lebenshing, seine Fassung bei einer Nothandlung, deren Erfindungein Meisterstück der Hölle war, übertrifft alles, was uns diewunderbare Sage der grauen Vergangenheit überliefert hat.Gesslers Tod, den der Tapfere im Beginn der ungeheuren Tatbeschlossen hatte, ging weniger aus Rache als aus der innigenÜberzeugung hervor, dass ihn Gott berufen habe, den Zer-störer aus den Schranken der misshandelten Sinnenwelt zuwerfen und den unbeugsamen Sünder vor den Richterstuhl desEwigen zu stellen. Taten dieser Art lassen sich nicht nachdem Masstabe gewöhnlicher Begriffe messen. Sie sind Fü-gungen einer unwandelbaren Gerechtigkeit des Himmels, dieihre Rechtfertigung in der Huldigung des menschlichen Ge-fühls und in der Andacht eines frommen Glaubens finden.Er, dessen furchtbaren Arm auch die Feinde bei Morgartenfühlten, freute sich noch des ewigem Bundes seines Heimat-landes und soll sein denkwürdiges Leben im Jahre 1350 beieiner grossen Wasserflut im Schächenflusse geendet haben.

Teils Andenken wurde durch Gotteshäuser und Wall-fahrten gefeiert, und ewig wie die Gebirge, auf denen er wan-delte, wird der Unsterbliche in der Erinnerung der teilneh-menden Nachkommen leben. (f. schütt.)