101
Den Hirten, sich zum Streiter ausersehen,
Der stets den Hirten gnädig sich bewies,
Er sprach zu mir aus dieses Baumes Zweigen:
„Geh’ hin! Du sollst auf Erden für mich zeugen.
In rauhes Erz sollst du die Glieder schnüren,
Hit Stahl bedecken deine zarte Brust.
Nicht Männerliebe darf dein Herz berührenHit sünd’gen Flammen eitler Erdenlust.
Nie wird der Brautkranz deine Locken zieren;
Dir blüht kein lieblich Kind an deiner Brust;
Doch werd’ ich dich mit kriegerischen EhrenVor allen Erdenfrauen dich verklären.
Denn wenn im Kampf die Mutigsten verzagen,
Wenn Frankreichs letztes Schicksal nun sich naht,
Dann wirst du meine Oriflamme tragenUnd, wie die rasche Schnitterin die Saat,
Den stolzen Überwinden niederschlagen;
Umwälzen wirst du seines Glückes Bad,
Errettung bringen Frankreichs Heldensöhnen,
Und Keims befrei’n und deinen König krönen.“
Ein Zeichen hat der Himmel mir verheissen;
Er sendet mir den Helm; er kommt von ihm.
Mit Götterkraft berühret mich sein Eisen,
Und mich durchflammt der Mut der Cherubim;
1ns Kriegsgewühl hinein will es mich reissen;
Es treibt mich fort mit Sturmes Ungestüm;
Den Feldruf hör’ ich mächtig zu dir dringen;
Das Schlachtross steigt, und die Trompeten klingen.
19. Karl der Kulme.
Karl der Kühne, Herzog von Burgund, zu Dijon am10. November 1433 geboren, war von mittlerer Grösse, sehrstarkem Bau, brauner Gesichtsfarbe, mit schwarzen Haarenund Augen, der Habichtsnase, einem etwas länglichen Gesichte,breiter Stirn und etwas hervorstehendem Kinn, in allen Zügenvoll kriegerischen Ernstes. Er hatte viel von der GemütsartJohannes des Eurchtlosen, seines Grossvaters, der Frankreichvorzüglich verwirrte. Sein unaufhörlich arbeitender Geist (wieer denn morgens um 6 Uhr immer seine Geschäfte anfing)hatte seine Lust an jenen Wundern des Altertums: dem glück-lichen Sohn des makedonischen Philipps, dem kannensischenSieger, dem einzigen Cäsar, und entwarf mit grösster Kühn-