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Deutsches Sprachbuch für die zweite Klasse der Sekundar- und Bezirksschulen auf Grundlage des zürcherischen Lehrplans und mit Berücksichtigung der obligatorischen Orthographie / bearb. von U. Wiesendanger
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seiner Zeitgenossen im Schachspiel, das er nach dem Geisteseiner Erfindung mehr wie Verstandeserhöhung als wie Spielansah. An den Alten liebte er alles ausserordentlich und ver-stand nicht nur nebst fünf andern auch die lateinische Sprachewohl, sondern (von seiner Jugendlektüre, den Rittergeschichten,unverdorben) liess er täglich zwei Stunden die Historien vonRom sich vorlesen. Alexanders erhabenes Bild hatte er unauf-hörlich vor Augen; denn es war sein hoher Plan, wie dieseran den Persern die Griechen und ihre Götter gerächt, so,wenn er einst seine Herrschaft von der Nordsee bis an dasMittelmeer verbreitet hätte, an der Spitze der abendländischenChristenheit mit aller Macht von Burgund eine grössere Unter-nehmung : die Befreiung des östlichen Europas von den Türken,auszuführen. Er hielt prächtigen Hof, strenges Recht, vortreff-liche Miliz und Ordnung der Einanzen. Meist sah man denHerrn glänzend mit grossem Gefolge von Eürsten, Grafen,Herrn und Rittern, so dass an Zahl, Herrlichkeit und Ordnungdes Hofes kein Fürst ihm gleichkam. Bei Feierlichkeiten truger ein Kleid, welches an Gold und Edelsteinen über hundert-tausend Gulden geschätzt wurde. Die Säle und Kapellen warenmit den ausgesuchtesten Tapeten und nie gesehenem Überflüssesilberner und goldener Geschirre geziert. Auf achthundertGulden war der tägliche Aufwand der Tafel berechnet, wovoner selbst nicht viel genoss; aber er hielt für fürstlich, Ver-gnügen und Überfluss um sich zu verbreiten. Nach dem Essenund nach den Geschäften liess er sich durch die Kammer-junker mit Singen, Lesen u. dergl. belustigen, wie er auchim Felde manchmal den gespannten Geist durch die Einfälledes Jünglings, der die Standarte trug, sich erheitern liess.Wann er, umgeben von allen Grossen, Montags und Freitagsauf dem Stuhl der Gerechtigkeit sass, empfing er die Bittenund Beschwerden seiner Diener und Untertanen auf das freund-lichste; er gab auch allein jedem Zutritt und (was man anFürsten sucht) schnelle Hilfe, oft in dem Masse, dass derKanzler während der Audienz zu reskribiren hatte; daher,(wenn man ausnimmt, was wegen besonderer Verhältnisse un-gestraft blieb), so weit und so lang Karl geherrscht, alle Fa-milienfehden und Eigengewalt Vornehmer über gemeine Leuteaufgehört haben, und an den Beamten missbrauchte Macht