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Deutsches Sprachbuch für die zweite Klasse der Sekundar- und Bezirksschulen auf Grundlage des zürcherischen Lehrplans und mit Berücksichtigung der obligatorischen Orthographie / bearb. von U. Wiesendanger
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Mutter allen Trostes beraubt ist. Verschlimmerte es sich mitder Luise, so wäre die arme Mutter ganz verlassen. Der Jam-mer ist unaussprechlich. Kannst du es möglich machen, glaubstdu, dass deine Kräfte es aushalten, so mache doch ja die Leisedorthin! Was sie kostet, bezahle ich mit Freuden.

Überlege, liebe Schwester! dass Eltern in solchen Ex-tremitäten den gerechtesten Anspruch auf kindliche Hilfehaben. Gott! Warum bin ich jetzt nicht gesund, und sogesund, als ich es bei der Reise vor drei Jahren war! Ichhätte mich durch nichts abhalten lassen hinzueilen. Aber dassich über ein Jahr fast nicht aus dem Hause gekommen, machtmich so schwächlich, dass ich entweder die Reise nicht aus-halten oder doch selbst krank bei den guten Eltern hinfallenwürde. Ich kann leider nichts für sie tun, als mit Geld helfen,und Gott weiss, dass ich es mit Freuden tue. Bedenke, dassdie liebe Mutter, die sich bisher mit einer bewunderungs-würdigen Standhaftigkeit betragen, endlich unter so vielenLeiden zusammenstürzen muss! Ich kenne dein kindliches,liebevolles Herz; ich kenne die Billigkeit und Rechtschaffen-heit meines Schwagers. Beide werden euch lehren, besser alsich, was unter diesen Umständen nötig ist.

Dein treuer BruderSchiller.

9. Derselbe an dieselbe.

Jena, den 6. Mai 1796.

Zu meinem grossen Trost, liebe Schwester! erfahre ichheut durch deinen Mann, dass du die Reise zu unsern liebenEltern wirklich angetreten hast. Der Himmel segne dich fürdiesen Beweis deiner kindlichen Liebe und lasse uns alle dieerwarteten guten Folgen davon ernten! Seitdem ich dich dortWeiss, bin ich um vieles ruhiger. Bisher konnte ich nichtanders als mit Schrecken an die traurige Lage der liebenEltern und Schwester denken. Ich habe nicht nötig, dir erstzu empfehlen, was unter diesen Umständen zu tun ist; nurum das einzige bitte ich dich, dass die lieben Eltern nichtaus ängstlicher Sparsamkeit eine heilsame Massregel zu ihrerGesundheit versäumen. Ich habe ein- für allemal erklärt, dasslc h die Kosten davon mit Freuden zahlen will. Was also etwa