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Deutsches Sprachbuch für die zweite Klasse der Sekundar- und Bezirksschulen auf Grundlage des zürcherischen Lehrplans und mit Berücksichtigung der obligatorischen Orthographie / bearb. von U. Wiesendanger
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9. Der Sturz des Getrozgletscliers.

Im Unterwallis, südlich von Martinach, liegt der Zehnten(Bezirk) Entremont, welcher das Tal der Dranse und mehrereSeitentäler umfasst. Das Haupttal zieht sich nach Südost biszum Combin, welcher es mit seinem acht bis zehn Stundenlangen Gletscher Chermontagne oder Bagne schliesst. DieserGletscher nährt den Fluss reichlich mit Wasser und überlagertdie Höhen von Montpleureux und Mauvoisin, welche mit ihrensteilen Abhängen den obern Teil des Tales abgrenzen, so dassdie Dranse nur einen schmalen Abfluss in das untere Tal hat.Schon 1595 am 4. Juni ereignete sich hier ein Gletschersturz,welcher der Dranse für einige Zeit den Durchgang versperrteund den obern Teil des Tales in einen See umwandelte. Alsdieser endlich den Eisdamm durchbrach, waren 140 Menschendas Opfer des verheerenden Stromes.

Bis 1805 bestand nur der obere Getrozgletscher, der sichüber einer beinahe 90 m hohen, senkrechten Felswand erhebt.Die von dort herunterstürzenden Eisblöcke wurden von derDranse fortgeführt, und man sah nur einzelne derselben um-herliegen. Mehrere kalte und schneereiche Winter hattenstärkere und häufigere Eisstürze zur Folge, die bisweilen denLauf der Dranse hemmten. Allmälig bildete sich ein zweiteroder unterer Gletscher aus zusammenhängendem Eise. Dieharten Winter von 1815, 16 und 17 vermehrten den obernGletscher ungemein, und die gewaltigen Stürze, die von dort-her den untern Gletscher verstärkten, hinderten endlich denAbfluss der Dranse, der bisher mit geringen Unterbrechungendurch die Eismassen und unter denselben hindurch stattgefun-den hatte. Ein See von mehr als 600 m Länge bildete sich,fand aber unter dem Eis einen Ausweg, so dass er bis zum27. Mai 1817 abfloss, ohne besondern Schaden zu verursachen.Im Frühling des Jahres 1818 stürzte wieder eine gewaltigeEismasse vorn Getrozgletscher herunter. Sie stopfte die engenDurchgänge des Wassers durch den Eisdamm. Dieser war1200m hoch, 900m dick, und seine Länge von dem einenTalrande zum andern betrug 210 m. Hinter demselben er-weiterte sich der See auf 3000 bis 3600 m Länge, 120 mBreite und 60 m Tiefe. Um einer Katastrophe vorzubeugen,