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Finanzlage des Staates vor jedermanns Augen darlegte. Bis dahinhatte über den Regierungsangelegenheiten stets das tiefste Geheimnisgewaltet; während Neckers Vorgehen von der Nation mit lautem Bei-fall begrüßt wurde, rechnete man es ihm am Hofe als ein Verbrechenan, und er wurde entlassen. An seine Stelle trat ein Günstling derKönigin, Calonne. Dieser nahm Anleihen über Anleihen auf, streutedas Geld mit vollen Händen aus, und der Hof lebte herrlich und inFreuden. Der ältere Bruder des Königs ließ sich von dem gefälligenMinister 25, der jüngere sogar 56 Millionen zu den gewöhnlichen Ein-künften schenken, die sie vom Staate bezogen, und die Jahrgelder desAdels stiegen auf 32 Millionen an; die Polignacs, die nächsten Freundeder Königin, empfingen allein jährlich 700,000 Fr. und einem banke-rotten Adligen schenkte der König 8 Millionen. Auch wurde verordnet,daß keiner, der nicht vier adlige Ahnherren auszuweisen habe, als Offi-zier in die Armee eintreten könne. Solches geschah zu einer Zeit, wodas Beispiel der Amerikaner schon in zahlreichen aufgeklärten Franzosendie Begierde nach einer Umgestaltung der Regierungsform im Sinneder Freiheit und Gleichheit erweckt hatte. — Calonne trieb es so lange,bis der Kredit des Staates vollständig erschöpft war. Jetzt mußte aucher eingestehen, daß einzig in der Aufhebung der Steuervorrechte dasHeil zu suchen sei. Der König suchte die höhern Stände zum frei-willigen Verzicht auf diese Vorrechte zu bewegen, indem er 1787 dieangesehensten Persönlichkeiten des Reiches zu einer sog. Notabeln-versammlung nach Versailles einberief. Aber umsonst: das einzigeErgebnis dieser Versammlung war, daß auf Betreiben Lafayettesden Protestanten Glaubensfreiheit gewährt wurde. Lasayette wares auch, der es aussprach, nur die seit 1614 nie mehr einberufenenReichsstände könnten den Staat vor dem Bankrotte retten, undbald ging dieser Ruf durch die ganze Nation. Ein Streit der Regierungmit den hohen Gerichtshöfen, den Parlamenten, erhöhte die Gärung.Als Necker in der höchsten Not wieder zum Minister ernannt wurde,willfahrte dieser dem allgemeinen Wunsche, indem er den Zusammen-tritt der Reichsstände auf das Frühjahr 1789 festsetzte. Aber solltendie Ltats 66v6raux nach alter Weise einberufen werden, und der