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Grundriss der Welt- und Schweizergeschichte für Sekundar-, Bezirks- und Realschulen, sowie die untern Klassen des Gymnasiums / von J. Helg
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von euch sich nicht also geübt haben, geht, wohin ihr wollt." Dann führtendie Herolde die Wettkämpfer auf die Bahn, riefen die Namen derselbenund ihrer Gemeinde aus und frugen, ob einer der Anwesenden einen die-ser Wettkämpfer unfreier Geburt, oder schlechten Rufes, oder des Dieb-stahls oder irgend eines Verbrechens zeihen könne. Wurde eine Anschul-digung laut, so entschied der Richter sofort über Zulassung oder Nicht-zulassung zum Spiele. Darauf wurde eine silberne Urne mit den Losengebracht. Jeder betete, ehe er sein Los zog. Die gleichen Buchstaben be-stimmten die Reihen der Kämpfer. Der Richter mahnte:Der Kampfbeginnt. Stellt euch zur entgegenringenden Entscheidung! Des SiegesZiel wird Zeus verleihen." Dann gab die Trompete das Zeichen. DieKämpfer liefen in Abteilungen zu vier. Flötenmusik ertönte. Die Kämpferliefen, bis einer alle besiegt.

Das Wagenrennen war sehr gefährlich. Der Wagenlenker standaus dem Wagen, und seine vier wilden Rosse stürzten sich mit vielen an-dern zugleich in die Bahn. Manche warfen um, zerbrachen Wagen undHälse oder fuhren gegen andere an und mußten auf halbem Wege an-halten. Am Ziele standen zwei Säulen, durch welche der Wagen im vollenFluge hindurch und dicht herum fahren mußte, um zwölsmal die nämlicheBahn zu durchrennen. Beim Ringen mußte der Sieger seinen Gegnerzweimal auf den Boden werfen und ihn so lange festhalten, bis dieser sichselbst sllr besiegt erklärte. Die Fanstkämpfer hatten ihre Fäuste mitharten Riemen umwunden und dursten nur schlagen.

Die Siegesfeier. Der letzte Tag des Festes war zur Krönungder Sieger bestimmt. Diese geschah unter dem Jauchzen des ganzen an-wesenden Volkes im heiligen Haine. Herrlich gekleidet, mit Palmenzweigenin der Hand, zogen die Sieger einher. Flöten begleiteten den Zug. EinigeKämpfer saßen auf schönen Rossen und Wagen, die das Volk mit Blumenbekränzte. Der Name des besten Läufers im Stadium ward zuerst aus-gerufen und von Millionen Stimmen jubelnd wiederholt. Der Preis warnnr ein Kranz von Olivenzweigen; aber dieser Kranz war der höchste Ruhmin Griechenland. Ein ausgewählter Knabe schnitt mit einem goldenen Messerdie Zweige vom Baume ab, den Herkules gepflanzt haben soll. DieMitbürger des Bekränzten holten ihren Sieger im Triumphe ab, sangenihm Lobgcsänge, stellten seine Bildsäule in Marmor zu Olympia auf undunterhielten ihn, solange er lebte, auf Staatskosten. Sein Name ertöntebis in die fernsten Gegenden Griechenlands. Ein alter Grieche starb vorFreude in der Umarmung seines siegenden Sohnes.

Die Bedeutung der Spiele. Bald verband man mit den Leibes-übungen auch höhere, geistige Genüsse. Zum Feste in Olympia wallfahr-teten die Frommen, um dem Gotte ihre Verehrung zu bezeugen, eiltendie Ehrgeizigen, um mit dem Kranze des Sieges geschmückt zu werden,drängten sich Neugierige, um zu schauen und zu hören, zogen die Maler,um ihre Gemälde zur Schau zu stellen, die Dichter, um ihre Gesängevorzutragen, reisten Staatsmänner, um Verbindungen anzuknüpfen oderabzuschließen, Kaufleute, um mit ihren Waren Gewinn zu machen. Ja,dort ließen selbst Staaten ihre Bündnisse durch den Herold ausrufenoder in Erztafeln aufstellen, um sie schneller bekannt zu machen. Dennwas zu Olympia geschah, geschah vor den Augen der ganzen Nation.(Vergl.Die Kraniche des Jbykns" von Schiller.)