238
Das Rcislaufcn. Immer stand eine Menge der kräftigsten Jüng-linge und Männer in ausländischem Solde. Tausende gingen dadurch anLeib und Seele zu Grunde oder kehrten krank und elend in die Heimatzurück. Doch umsonst! Kein Bauer konnte mehr auf seine Söhne, keinHandwerker auf feine Gesellen zählen. Man dürstete einzig noch nachKrieg und Geld. „So früh die Knaben konnten", sagt ein Geschichtsschrci-ber, „hingen fie ein Schwert übers linke Bein, steckten eine Stranßfederaus den Hut, folgten der Trommel und übten sich im Büchsenschießen.Gs war kein Jahrmarkt, keine Kirchweih, kein Schwur zu einem neuenLandvogt ohne eine Musterung, eine Schießübung. Die Ehre eines Braut-zuges war, wenn viele ungeladen, aber mit Hellebarden und Schwertern,drei und drei in einem Glied, sich anschlössen. Wenn alsdann diese krie-gerischen Menschen beisammen waren, Geschlechter und Zünfte in beson-deren Stuben, erschien wohl einer, der jüngst aus dem Felde nach Hausegekommen war, ließ die Gulden klingen, welche er als Sold oder alsBeute heimgebracht und entzündete die andern zu dem Wunsche, daß manauch ihrer bei schönen Helmen und Hellebarden in ihrem Hanse einmalgedenke.
Das Peiisionciiwcse». Mit dem Neislanfen war das Pcnsioncn-wesen verbunden, d. h. die fremden Fürsten zahlten nicht bloß den Soldan die Krieger, sondern ebenso Höhe Pensionen und Jahrgelder den Stün-den, welche militärische Werbungen gestatteten. Ja sogar Privatpersonen,welche einflußreiche öffentliche Stellungen bekleideten, erhielten solche Pen-sionen in Fülle. Das alles aber übte womöglich auf das gesamte Vater-land einen noch schlimmern Einfluß aus als der fremde Kriedsdienst selbst.So zahlten die Herzoge von Bayern jährlich 200 Gulden für jeden Ort.Papst Julius II. mußte jedem Ort 1000 Gulden versprechen. Savohenzahlte für ein Bündnis jährlich 1600 Gulden. Frankreich versprach imBündnis von 1474 jedem Orte 2000 Franken jährlich. Ludwig XII. vonFrankreich kosteten die Umtriebe seines Gegners Maximilian in der Schweiz230,000 Kronen. Hans Waldmann von Zürich bezog von Frankreich 600Gulden, von Österreich 400 Gulden, von Savohen 300 Gulden und vonLothringen 100 Gulden. In einem Liede aus der Zeit heißt es:
Ein Fürst sitzt hie, der ander dort,.Gänd uns Dukaten, gute Wort,Günd Kronen setz und ferren. ')Der ein, der hat vom Kaiser Sold,Der ander vom Franzosen Gold,.Der dritt sunst von eim Herren.
.Söllich Zwietracht ist in unsermLand,
.Das nie kein Mutterkind erkannt,.Als jetzund ist vorhanden;
.Das schafft allein das schnöde Gut,.Das uns wird geschickt uß falschemMut
,Uß manches Fürsten Landen.
Wohl fühlte man auch im Volke und in den Behörden den Schaden,den dieses unglückliche Reislaufen und Pensionenwesen dem Lande brachteund wiederholt erließen darum auch die Tagsatzungen die strengsten Be-fehle gegen beide Mißbräuche. Doch der Unfug war vorläufig stärker alsGesetze und Erlasse.
>) ferren — ferner, weiterhin.